Begegnungen

mit Sabine Winkler und der Band Culcha Candela. Hallo!
Vor gut 20 Jahren brachten sie Dancehall, Reggae, Hip-Hop und Salsa in die Charts mit Hamma! und Monsta.
2002 in Berlin gegründet, mit Wurzeln in Deutschland, Uganda, Kolumbien und Südkorea. Diese Vielfalt prägt bis heute ihren Sound – und steht für: Kein Platz für Rassismus.
Wer aber Haltung zeigt, bekommt nicht nur Applaus: Beim CSD in Köln gab es Wirbel, weil – so der Vorwurf – die Gebärdendolmetscherin von der Bühne geschickt wurde. Die Band sagt, sie habe das erst später erfahren. Die Diskussion darüber lief vor allem in den sozialen Medien.
Mateo zieht daraus eine nüchterne Bilanz:
„Du machst was Gutes – Leute beschweren sich. Du machst was Schlechtes – Leute beschweren sich. Kannst es im Endeffekt auch nicht immer allen recht machen.“
Kritik gibt es aber nicht nur von außen: Nach einer pampigen Instagram-Antwort von Mateo auf eine Fan-Anfrage kochte es online hoch; die Band entschuldigte sich. Später sorgten Podcast-Äußerungen von ihm zum Vorfall für neue Diskussion. Die Band stellte öffentlich klar: Alleingang – nicht der gemeinsame Kurs; intern Konsequenzen.
Ich frage mich, wenn es knirscht, wie hält man als Band trotzdem zusammen? Johnny, Gründungsmitglied, sagt:
„Ein sehr wichtiger Punkt ist, um auch so lange zusammenzubleiben, ist Konfrontation. Dass man sich mit den Themen, die einen auch stören auseinandersetzt. Auch wenn es Streit bedeutet, sollte man diesen nicht scheuen. Der vermeintliche Streit ist aber der Weg zum Besseren.“
Wie in einer Ehe, denke ich mir.
Ich treffe die Band vor ihrem Auftritt in Esslingen – vierter Konzertabend in einer Woche. Müde, aber gut gelaunt. Mateo erzählt vom Vortag:
„Wir waren zum Beispiel gestern in Dessau, da wählen um die 40 Prozent der Leute AfD. Und das ist schon ganz schön bedenklich und da muss man erst recht aufstehen und dagegen sein.“
Ob Politik oder Party – Culcha Candela verpacken ihre Botschaft in Beats, die erst mal Spaß machen, erklärt Chino:
„Grundsätzlich haben wir mal erkannt, dass es einen besseren Zugang darstellt, wenn wir erst mal quasi erstmal mit der Party die Leute so n bisschen locken. Es ist wie so eine Medizin, die in einem süßen Bonbon verpackt ist.“
Und was in diesem Bonbon steckt, formuliert Johnny so:
„Empowerment – Im weitesten Sinne sind wir dabei, positiv zu motivieren die Leute. Genau wie unsere Musik. Haben einfach grundsätzlich ne positive Lebenseinstellung. Mit dieser kann man dann auch viel bewegen.“
Doch irgendwann kommt die Frage:
„Wir sind ja schon Ü40 alle… und die Frage ist dann immer so: Können wir das noch sagen, ohne uncool zu sein in unserem Alter?“ (Mateo)
Ihre Antwort: Ja – wenn die Botschaft stimmt. Chino ergänzt:
„Jeder hat Möglichkeiten, in seinem eigenen Leben einen Unterschied zu machen. Und die Summe dieser ganzen kleinen Schritte, die macht am Ende den großen Unterschied.“
Manche ihrer Antworten sind so knapp und klar, fast wie Kalendersprüche – nur eben aus 23 Jahren Bandalltag.
Auch abseits der Bühne setzen sie auf ihre „Bonbon“-Idee: Erst Spaß, dann Botschaft. Für Culcha Candela ist Haltung kein Selbstzweck. Sie wollen, dass sie wirkt – in der Musik, aber auch in Projekten, die über den Konzertabend hinausgehen. Damit haben sie schon angefangen, lange bevor Hamma! und Monsta bekannt wurden.
„Wir sammeln eigentlich jede Show Kohle von den Leuten. Zusammen bauen wir da ein System auf. Es basiert auf einer Berufsschule für handwerkliche Ausbildung.“
Johnny Strange meint seinen Verein Africa Rise. In Uganda hat er eine Berufsschule mit aufgebaut, damit junge Leute eine handwerkliche Ausbildung machen können – und damit eine echte Chance haben.
DJ Chino ergänzt:
„Zugang zu fairen Bildungschancen ist auf jeden Fall die nachhaltigste Unterstützung. Dann hat man auf jeden Fall die beste Aussicht, sich selber eine bessere Zukunft aufzubauen.“
Auch in Berlin engagiert sich die Band – etwa in Kooperation mit der Arche, für Kinder aus benachteiligten Familien. Don Cali:
„Da geht man natürlich hin und hat Kontakt mit diesen Kindern und da sieht man halt, wie wichtig das auch ist. Obwohl Deutschland ein sehr reiches Land ist, auch hier Vernachlässigung stattfindet.“
Ich habe nicht den Eindruck, dass das nur fürs Image passiert.
2016 in Stuttgart war ich dabei: Die Band besuchte eine Geflüchteten-Unterkunft, verbringt dort Zeit – und lädt später einige zum Konzert ein.
Und heute in Esslingen:
Nach der Show sehe ich Johnny, wie er die gespendeten Pfandbecher einlöst – das Geld geht an ein Projekt. Kein Auftritt, keine Kamera – wir wechseln ein paar Worte, keine Star-Allüren, mitten im Abbau.
Beim Thema Ehrenamt wird Johnny konkret:
„Ehrenamt ist das Rückgrat der Gesellschaft. Alles, was man tut, kommt zu einem zurück. Engagiert euch! Ihr helft anderen – und gleichzeitig helft euch selbst.“
Von ihrem Projekten und ihrem Einsatz wissen viele nichts. Vielleicht liegt in ihrem Engagement auch ein christliches Moment: die Hoffnung, dass sich etwas verändert, wenn Menschen füreinander einstehen. Oder wie sie es selbst sagen:
„Be nice. Das ist eine ganz einfache Regel, die jeder beherzigen kann – im direkten Umfeld, aber auch auf der großen politischen Bühne.“ (Chino)
Be nice – sei freundlich. Klingt leicht, ist aber anspruchsvoll. Es gilt auch dann, wenn mal ein Kommentar in den sozialen Medien schief geht. Und vielleicht ist genau das die Botschaft, die bleibt, wenn der Bass längst verhallt ist. Be nice.
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