SWR Kultur Wort zum Tag
Das mit dem Unkraut ist ja so eine Sache. Ich mag den Begriff gar nicht, denn die Vorsilbe „un“ bezeichnet ja immer etwas Gegensätzliches. Und wie kann dann ein Kraut gleichzeitig ein Un-Kraut sein? Löwenzahn ist so ein Beispiel: Viele rupfen oder stechen ihn raus, weil er den Rasen ruiniert. Dabei sieht er doch hübsch aus, ist gut für die Leber und die Verdauung und Kinder können auch noch Spaß beim Pusten haben. Oder Brombeeren: Sie tragen immerhin einen Monat lang leckere Früchte, die auch noch echte Vitamin C Bomben sind. Ja, beim Thema Unkraut gehen die Meinungen auseinander.
Jesus erzählt ein Gleichnis darüber. Da kommen die Knechte und fragen den Gutsherrn, ob sie das viele Unkraut auf dem Feld ausreißen sollen. Doch dem Herrn ist das zu heikel, weil die Knechte mit dem Unkraut auch das Getreide ausreißen könnten. Deshalb sagt er, sie sollen es erst mal wachsen lassen. Später kann man immer noch schauen, was draus geworden ist.
Ich denke nicht, dass Jesus hier Anbau-Tipps für Landwirte geben möchte. Gleichnisse sind wie Vergleiche. Und Jesus beginnt seine Gleichnisse – und dieses hier auch - gerne mit dem Satz „Mit dem Himmelreich ist es wie mit Punkt, Punkt, Punkt“. Und dabei hatte Jesus nicht irgendeinen Thronsaal im Himmel gemeint, sondern er wollte den Menschen klarmachen, dass dieser erlöste Ort immer und überall beginnen kann, wenn ich nur Platz dafür schaffe.
Wenn das Himmelreich nun mit mir selbst beginnt, dann könnte in dem Gleichnis mit dem Unkraut auch ein Hinweis auf mein Inneres stecken: Gibt´s bei mir auch Unkraut? Und wie sieht das aus? Ich glaube bei mir schon: Manchmal bin ich vielleicht ein bisschen egoistisch oder zu direkt.
Wenn ich Jesus recht verstehe, dann soll ich mir diese Eigenschaften nicht gleich völlig abtrainieren. Ich kann erst mal schauen, ob sich daraus nicht etwas Gutes entwickeln kann. So eine Portion Egoismus kann ja auch gut tun. Es gibt viele Menschen, die denken nicht genug an sich selbst, die können weder „nein“ sagen, noch gönnen sie sich mal was Gutes. Bin ich aber zu egoistisch, dann leiden andere darunter.
Oder wenn jemand sehr offen und direkt seine Meinung sagt, dann kann das verletzend wirken, aber auch als ehrlich und echt empfunden werden. Jedes Unkraut und jede vermeintlich schlechte Eigenschaft hat einen guten Kern, und den kann ich finden und herausschälen. Es heißt ja auch: Erst an den Früchten werde ich erkennen, ob etwas gut ist oder nicht.
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