SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

17AUG2025
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Zurzeit lese ich meinem Sohn abends Geschichten aus der Kinderbibel vor. Das ist für mich nicht immer einfach. Denn manche Geschichten sind schwer zu verstehen und nicht leicht zu verkraften. Neulich hab ich ihm die Geschichte von Kain und Abel vorgelesen. Kain tötet seinen jüngeren Bruder Abel auf dem Feld, weil er sich von Gott benachteiligt und zurückgesetzt fühlt. Ich überlege kurz, ob ich ihm die Geschichte überhaupt schon vorlesen soll. Aber die Kinderbibel formuliert sie etwas sanfter. Also lese ich sie ihm vor. Ich komme an die Stelle, wo Gott Kain zur Rede stellt und ihn fragt: Kain, wo ist dein Bruder?

Da beginnt mein Sohn zu weinen. Was soll ich jetzt tun? Ich nehme ihn in den Arm und tröste ihn. Das ist nur eine Geschichte, sage ich ihm. Aber das tröstet ihn nicht. Schließlich versuche ich zu erklären: diese Geschichte will zeigen, was passieren kann, wenn Menschen sehr neidisch aufeinander sind und dass das nicht gut ist. Wahrscheinlich ist die Geschichte so gar nicht passiert. Langsam beruhigt er sich. Wir suchen uns danach noch eine leichtere Geschichte aus zum Einschlafen.

Dieser Abend geht mir noch lange nach. Mein Sohn hat diese Geschichte viel intensiver aufgenommen als ich. Er hat gespürt, wie viel Leid darin steckt. Hat sich davon berühren lassen. Es war für ihn wirklich schlimm zu hören, dass Geschwister sich so etwas antun können.

Mir hat der Abend gezeigt, wie behutsam ich mit meinem Sohn in der Bibel lesen muss. Aber auch, wie sehr biblische Geschichten das tatsächliche Leben widerspiegeln. Mit allem Schönen, aber eben auch allem Schrecklichen, was Menschen sich antun können.

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