Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ihnen ist heute morgen die Müslischale auf dem Boden zerbrochen? Oder die Bahn kam mal wieder nicht, im Bus nur Stehplätze, der Behördenbrief gestern völlig unverständlich, der Anruf ihrer Schwester alles andere als einfühlsam. Und nun auch das noch: Das Profil der Autorreifen unzureichend, die Hose zwickt, der Heizkörper im Bad bleibt kalt und überhaupt kommt Ihnen grad alles ziemlich bescheuert vor. Von der politischen Großwetterlage ganz zu schweigen …
Was tun? Wohin mit all dem Frust, dem Alltagsärger, den kleinen Missgeschicken und Misserfolgen?
Ich bin gerade mal wieder einem Mann begegnet – allerdings in Buchform -, den seine Zeitgenossen als heftigen und leidenschaftlichen Menschen beschreiben. Aus ärmlichen Verhältnissen hat er sich hochgearbeitet, schreibend, schriftstellerisch.
Von einem Wort Friedrich Hebbels will ich reden, jenem so oft einsamen Dichter. Zeitweise war der einzige Gesprächspartner, dem er alles anvertraute, sein Tagebuch. „Es soll ein Notenbuch meines Herzens sein", notiert er, „und die Töne meines Herzens wiedergeben."
Allerdings nicht in erster Linie, um dort all das Widerwärtige und Misstönende des Alltags aufzubewahren, sondern – so schreibt er – „zu meiner Erbauung in künftigen Zeiten".
Vielleicht auch ein Stück weit, um sich selbst immer wieder zu ermahnen und zu erinnern: „Klage nicht zu sehr über einen kleinen Schmerz; das Schicksal könnte ihn durch einen größeren heilen!"
Ja, es gibt Missliebiges, fast jeden Tag. Aber wenn wir es nach dem ersten Ärger ins rechte Licht rücken, in die richtige Relation bringen, dann können wir doch in den meisten Fällen sagen: Ich kann es aushalten. Oder: Es geht vorüber! Oder: Mit Geld ist es wiedergutzumachen!
Vielleicht möchten Sie sich diese Selbstermahnung Friedrich Hebbels merken: "Klage nicht zu sehr über einen kleinen Schmerz;
das Schicksal könnte ihn durch einen größeren heilen!"
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Quelle: Hebbel, Tagebücher. Nach der historisch-kritischen Ausgabe von R. M. Werner, 4 Bde., 1903-04. 1857
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