SWR4 Sonntagsgedanken
Im Konfirmandenunterricht habe ich die Zehn Gebote durchgenommen. Im Alten Testament wird erzählt, dass Gott selbst sie in Stein gemeißelt und dem Mose übergeben hat. Ein Zeichen für ihre Autorität und Würde. Und für ihre ewige Gültigkeit.
Ich habe erklärt, dass die ersten drei Gebote die Beziehung zwischen Gott und den Menschen betreffen, und die Gebote vier bis zehn die Beziehung der Menschen untereinander regeln. Anschließend habe ich den Konfis die Aufgabe gestellt, die Zehn Gebote in eine eigene Reihenfolge zu bringen. Auf Platz eins soll das Gebot stehen, das ihnen am wichtigsten erscheint. Dann das zweit- und drittwichtigste und so weiter, bis auf den hinteren Plätzen die Gebote landen, die ihrer Meinung nach nicht ganz so wichtig sind.
Fast immer dreht sich dabei die Reihenfolge komplett um. Gott rutscht nach hinten und der Mensch nach vorn. Und fast immer gewinnt mit großem Abstand das Gebot, das in der biblischen Zählung an fünfter Stelle steht: Du sollst nicht töten! In der Diskussion stellt sich heraus, dass viele Konfis dabei nicht nur an die Todesstrafe oder an Militäreinsätze denken, sondern der Meinung sind, dass auch Tiere und andere Lebensformen auf der Erde geschützt werden sollen. Sie ernähren sich vegetarisch oder vegan, sind dabei oft erstaunlich konsequent und bringen mit ihren Ernährungsgewohnheiten den Speisezettel zuhause ganz schön durcheinander.
Du sollst nicht töten! Ja, mit Blick in eine Welt, in der Kriege das gegenseitige Töten scheinbar wieder unvermeidlich erscheinen lassen, ist das ganz bestimmt ein wichtiges Gebot. Andererseits denke ich: Es ist auch leicht, ein Gebot auf Platz eins zu setzen, das mich - und ich denke auch meine Konfis - im Alltag nicht wirklich betrifft. Denn ich habe noch nie einen Menschen getötet und komme hoffentlich auch nie in die Lage. Mit dem Töten von Menschen oder Tieren habe ich einfach nichts zu tun.
Was dagegen in den anderen Geboten angesprochen wird, ist meinem Alltag viel näher: Du sollst über andere keine Lügen verbreiten, nicht stehlen, nicht die Ehe brechen, nicht vor Neid platzen. Auch darüber spreche ich mit den Konfis. Sie fragen mich, wer eigentlich Schaden daran nimmt, wenn sie bei Rossmann oder dm mal einen Nagellack mitgehen lassen, sie leben in Familienmodellen, in denen Mütter oder Väter auch Beziehungen mit anderen Männern und Frauen haben und sie wissen ganz genau, wie schwer manche Mitschüler es haben, die sich zum Beispiel keine hippen Markenklamotten leisten können, und welchen Schaden Neid, Missgunst und Verachtung anrichten können. Braucht es da nicht noch viel mehr Regeln und Gebote, um mit dem komplizierten Leben zurechtzukommen?
Die Frage, welches denn nun das wichtigste Gebot sei, ist auch Jesus einmal gestellt worden. Überraschenderweise hat er keines aus der Liste der Zehn Gebote genannt, sondern eine Art Zusammenfassung zitiert. Und die geht so: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller deiner Kraft. Das andere ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als dies.“ Jesus hat also die drei Gebote, die von Gott und den Menschen handeln, zu einem zusammengefasst: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller deiner Kraft.“ Und dann hat er die sieben Gebote, die das zwischenmenschliche Leben betreffen, auch in einem zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Aus zehn mach zwei. Oder eins im Doppelpack. Aber, frage ich die Konfis, was ist denn jetzt abgesehen von Zahlen und Nummerierungen der eigentliche Clou an dem, wie Jesus die Zehn Gebote interpretiert? Es ist anscheinend so einfach, dass die Konfis eine ganze Weile herumrätseln, bis eine es entdeckt: Es ist die Liebe! Genauer gesagt die Tätigkeit: lieben. Die ist in den Zehn Geboten nicht vorgekommen. Da sollte Gott gefürchtet, Vater und Mutter geehrt, der Feiertag geheiligt werden. Da war alles Mögliche verboten. Du sollst dies und jenes nicht tun. Aber was der Mensch aktiv tun könnte, das war nicht formuliert. Noch einmal Jesus im O-Ton: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Von da an sprudeln die Konfis nur so von Ideen, wie das gehen könnte: anderen Menschen mit Respekt begegnen. Tiere als Mitgeschöpfe behandeln, sich einschalten, wenn jemand gemobbt wird, dem neuen Freund der Mutter eine Chance geben, am eigenen Selbstwertgefühl arbeiten. Und wie liebt man Gott? wage ich nachzufragen. Na, indem man das alles eben macht, sagt eine. Dann wären die beiden Gebote am Ende doch eins? Gottesliebe und Nächstenliebe zwei Seiten einer Medaille? Mit dieser Frage habe ich die Konfis in die Sommerferien entlassen. Und hoffe, dass die kommenden Wochen viele Möglichkeiten bieten, es herauszufinden.
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