SWR Kultur Wort zum Tag

23AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Genau 300 Jahre ist es her, dass der Komponist Antonio Vivaldi sein berühmtestes Werk geschrieben hat: Die vier Jahreszeiten. Es muss eine Sensation gewesen sein, als das italienische Publikum dieses Stück 1725 zum ersten Mal gehört hat. Die virtuosen Geigenklänge ließen staunen. Aber vor allem: So malerisch hatte bis dahin noch kein Komponist Bilder aus der Natur in barocke Klangbilder übersetzt. Da hatte es einer geschafft, in Tönen festzuhalten, wie der Sommer klingt: Nach einer Flötenweise, die durch die Mittagsstille dringt, ein Vogel zwitschert leise, dumpf fällt ein Apfel in das Gras, ein Wind rauscht in den Bäumen, ein Kind lacht hell, dann schweigt es schnell und möchte lieber träumen. Vogelgezwitscher und Wind, ein aufziehendes Gewitter: Seit 300 Jahren klingt jeder Sommer eben auch ein bisschen nach Vivaldi.

Und ich höre darin auch das Versprechen, das Gott der Menschheit nach der Sintflut gegeben hat: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Die Gewissheit, dass sich die Erde auch weiterhin im verlässlichen Rhythmus der Jahreszeiten drehen wird, ist im 21. Jahrhundert allerdings brüchig geworden. Denn längst hat der Mensch durch einen rücksichtslosen Umgang mit der Natur die Welt aus dem Gleichgewicht gebracht. In einem Projekt mit dem Titel „Die unsicheren vier Jahreszeiten“ haben Wissenschaftler und Komponisten diesen Tatbestand und die daraus folgenden Katastrophen nun auch in die Musik von Vivaldi eingetragen. Mit digitalen Programmen haben sie sein Notenmaterial verändert. Und 14 Orchester aus sechs Kontinenten haben zur Aufführung gebracht, was bei diesem Experiment herausgekommen ist. Wie anders der Sommer jetzt klingt, wie er Frühling und Herbst verschlingt, wie das Vogelgezwitscher verstummt. Bedrohlich und trostlos. Ob Gott sein Versprechen hält? Ob er die vier Jahreszeiten retten wird, wenn es sein muss auch ohne die Menschheit? Ich hoffe und bete, dass er uns Wege zum Überleben zeigt. Und dass wir bereit sind, sie dann auch zu beschreiten.    

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42767
weiterlesen...