SWR Kultur Wort zum Tag

22AUG2025
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Auf meinem Schreibtisch steht eine kleine Porzellanschale. Eine Freundin hat sie mir geschenkt, zusammen mit einem Gebet von Martin Luther: „Siehe, Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das wartet, bis einer es fülle, dass es dankend überfließt.“

Mit dem Geschenk ist auch eine Aufgabe verbunden. Ich soll nämlich dafür sorgen, dass die kleine Schale immer leer bleibt, damit in meinem Alltag Platz ist für Gottes Liebe. Gar nicht so einfach! Ständig bin ich versucht, irgendetwas hineinzuwerfen: herumliegende Spitzer, Büroklammern, zerknüllte Taschentücher, abgenagte Pfirsichkerne. Manchmal verschwindet die Schale auch ganz unter Stapeln aus Papier. Dabei soll sie mir doch den Spiegel vorhalten, mich warnen: Pass auf, dass du nicht zugemüllt wirst wie dein Schreibtisch, mit Informationen und Aufgaben und Terminen, achte darauf, was du alles in dich hineinstopfst! Nur leere Gefäße sind aufnahmefähig. Es ist ein täglicher Kampf um leere Plätze, außen und innen.

Jetzt war meine Freundin, die Schalenschenkerin, in Paris. Von dort hat sie mir den Link zu einem Kunstwerk geschickt, das sie in einem Kunstmuseum entdeckt hat. „Das musst du dir ansehen“, schreibt sie, und klingt begeistert. Und tatsächlich: In der Rotunde der Bourse de Commerce hat der französische Künstler Céleste Boursier-Mougenot ein großes Wasserbecken angelegt. Achtzehn Meter Durchmesser. Durch die gläserne Kuppel darüber spiegelt sich der Himmel. Auf der Wasseroberfläche schwimmen weiße Porzellanschalen, die von einer sanften Strömung angetrieben werden. Wo sie aneinanderstoßen, entstehen glockenartige Klänge. Ich sehe und höre diese dahintreibenden Schalen zwar nur auf dem Bildschirm, dennoch ziehen sie mich in ihren Bann. Stundenlang könnte ich auf die Wasseroberfläche mit den leeren Gefäßen schauen und ihren Zufallsklängen lauschen. Das Hören und Betrachten lassen mich eintauchen in eine andere Welt und zur Ruhe kommen. Und plötzlich entsteht diese schöne Leere, die es braucht, damit ich wieder so beten kann: „Siehe, Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das wartet bis einer es fülle, dass es dankend überfließt.“

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