SWR Kultur Wort zum Tag

21AUG2025
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Meine Freundin sitzt in der Klinik einer deutschen Mittelstadt. Am Bett ihres über 90 Jahre alten Vaters wartet sie vor sich hin. Auf Facebook teilt sie ihre Gedanken: „Seit zwei Tagen ein Hingehalten-Werden mit spärlichen Informationen, die man nur auf Nachfrage bekommt. Keine Visite. Ich war gestern von neun bis halb sechs hier. Und heute seit acht Uhr, in der schwebenden Annahme, endlich würde mein Vater operiert – aber gestern und heute nichts. Der Termin wurde nun innerhalb von drei Tagen vier Mal verschoben. „Viel los“, lautet die Begründung. Das mag stimmen, aber für die Betroffenen ist es zermürbend. Einen alten Menschen lange Tag nüchtern zu halten für eine Narkose, die dann nicht kommt, ist schon herb. Die Kranken, vor allem Alte und Kinder, brauchen hier unbedingt einen Fürsprecher, Fütterer, Kümmerer.“

Was meine Freundin postet, trifft offenbar einen Nerv. In Nullkommanichts füllen sich die Kommentarspalten mit ähnlichen Erfahrungen. Es ist zum Heulen! Und ich muss an eine Geschichte aus der Bibel denken, eine der ersten, die von Jesus erzählt wird. Aber obwohl er da einen Gelähmten gesund macht, ist er nicht der einzige Held. Denn vier Leute haben diesen Kranken zu ihm gebracht. Auf einer Matte haben sie ihn buchstäblich angeschleppt. Doch die Menschenmenge um Jesus ist zu dicht. Sie kommen nicht an ihn heran. Da klettern sie kurzerhand auf das Dach des Hauses. Sie nehmen die Sachbeschädigung in Kauf und öffnen das Dach. Dann seilen sie ihren kranken Freund ab, Jesus direkt vor die Füße. Genau diese Beharrlichkeit braucht es auch im Gesundheitssystem des 21. Jahrhunderts. Es braucht ein Netz aus Fürsprechern, Fütterern, Kümmerern und furchtlosen Dachabdeckern, die dem überforderten Personal zur Seite springen. Denn ohne Begleitung sind Kranke leider oft aufgeschmissen. Ein Loblied also auf die vier aus dem Evangelium und auf die vielen auf den Krankenstationen überall! Denn erst, wenn aus medizinischer Sicht alles getan ist, mag gelten, was Eva Zeller in einem Gedicht mit dem Titel „Testament“ festgehalten hat: „Und wenn es dann soweit ist, sollt ihr wegen dem Gedränge aufs Dach steigen und mich hinablassen auf meiner Trage durch die Ziegel hinab direkt vor seine Füße.“

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