SWR Kultur Lied zum Sonntag

17AUG2025
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Von Joachim Ringelnatz gibt es ein Gedicht mit dem schönen Titel „Morgenwonne“. Ein ausgeschlafener Mensch singt darin das Loblied der frühen Stunde:

„Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
mit Nasenflügelbeben
ein ungeheurer Appetit
nach Frühstück und nach Leben.“

Ja, so möchte man gerne morgens aus den Federn springen: Gut gelaunt, voller Energie und Tatendrang. Oft genug beginnen meine Tage jedoch viel verhaltener. Und für diese eher nachdenkliche Gemütslage hat Martin Gotthard Schneider ein Morgenlied geschrieben:

Ein neuer Tag beginnt. Was wird er bringen?
Herr, gib, dass bei allem, was heute geschieht,
ein Schritt hin zum Guten mir möchte gelingen.

Ein neuer Tag beginnt. Wie viele hoffen
auf Liebe, Verständnis, ein freundliches Wort.
Mach mich für die Sorgen der Mitmenschen offen.

Geschrieben im Jahr 1975, ist das Lied gerade 50 Jahre alt geworden. Es gehört damit zum neuen geistlichen Liedgut. Es ergänzt die klassische evangelische Choraltradition um eine neue Sprache und neue Musikstile. Die neuen Lieder werfen einen nüchternen Blick auf Pflichten, Alltagssorgen und den Lärm ihrer Zeit und begegnen den Herausforderungen des Menschen im 20. Jahrhundert. Das Morgenlied von Martin Gotthard Schneider lädt dazu ein, den kommenden Tag mit einer kleinen Morgenmeditation zu beginnen. Heute würde man es vielleicht als Achtsamkeitsübung beschreiben. Es regt an, den Tag zu durchdenken und ihm liebevoll und wachsam zu begegnen: Das eine zu tun, das andere zu lassen. Sich nicht zu überfordern. Fehlerfreundlich mit sich selbst umzugehen. Und offen zu bleiben für andere.

Ein neuer Tag beginnt mit manchen Pflichten.
Gib, dass ich erkenne, was nötig heut ist,
das eine zu tun, auf das andre verzichten.

Ein neuer Tag beginnt. Lass im Getriebe
mich nicht überhören, wie du zu mir sprichst,
entdecken die Spuren von Güte und Liebe.

Das Lied ist auch ein Gebet. Ähnlich wie einst Luthers Morgensegen eignet es sich für den alltäglichen, allmorgendlichen Gebrauch, auch für all jene Tage, die mir nicht knallvergnügt entgegenspringen. Denn das Lied ist erfüllt von dem tiefen Vertrauen, dass mein Leben und die ganze Welt, komme, was da wolle, geborgen sind in Gottes Hand, umfangen von einer großen segnenden Kraft. Ob die Nasenflügel nun vor Lust beben oder vor Angst zittern. Ob der Tag lockt oder lähmt. Es gilt:

Ein neuer Tag beginnt. Ich muss nicht sorgen.
Du, Herr, hältst mein Leben doch fest in der Hand.
Du kennst ja mein Gestern, mein heute und Morgen.

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Musikangaben:

Text: Martin Gotthard Schneider (1975)
Melodie: Martin Gotthard Schneider (1975)
Aufnahme: LP Eine freudige Nachricht breitet sich aus. Neue Lieder für Kinder und Erwachsene aus „Sieben Leben möchte ich haben“, Sätze von Martin Gotthard Schneider. Der kleine Chor der Heinrich-Schütz-Kantorei Freiburg (LC0612)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42764
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