Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Es ist eines meiner liebsten Urlaubsvergnügen: an der Nordsee friesischen Tee trinken. Aus schönem Geschirr, mit Kandis und flüssiger Sahne, und vor allem auch mit Zeit zum Verweilen und zum Genießen. Und damit ich den Tee nicht zu lange ziehen lasse, wird mir auf dem Tablett auch eine kleine Sanduhr gebracht. Wenn die durchgelaufen ist, kann ich den Tee eingießen.
So kannte ich‘s schon lange. Aber in diesem Sommer war etwas anders. Es war die Sanduhr. Der Sand, der rinnende Sand, hatte die Richtung gewechselt. Er lief nicht wie seit eh und je von oben nach unten, sondern: von unten nach oben. Okay, dachte ich: wenn ich statt Sand Kunststoffkügelchen einfülle, dann geht das natürlich, physikalisch gesehen, weil die leichter sind und nach oben steigen. Aber warum macht man das?
Die Kellnerin wusste es auch nicht. Sie wusste nur, dass diese neuen Sanduhren, die quasi verkehrt rum liefen, offenbar Laune machen. Denn viel öfter als früher, sagte sie, nähmen die Gäste sie in die Hand und spielten damit, spielten quasi mit der Zeit.
Auf alten Darstellungen, vor allem im Barock, sind Sanduhren nicht selten zu finden. Oft zusammen mit einem Skelett, das die Sanduhr in der Knochenhand hält. Und dann ist gruselig klar: Die Sanduhr zeigt nicht die Zeit, sondern das Vergehen der Zeit. Und damit unsere Vergänglichkeit. Meine Vergänglichkeit.
Ganz anders bei einer ‚Sanduhr‘, die umgekehrt läuft, von unten nach oben, quasi in Gegenrichtung. Wie allen anderen Gästen tut es auch mir gut, zuzuschauen, und auch mir macht es Spaß, das Teil immer wieder umzudrehen.
Für mich ist diese Spielerei auch ein spirituelles Bild. Meine Lebenszeit nimmt ab, klar, so ist das. Aber sie rinnt nicht einfach ‚den Bach runter‘, oder ins Nichts, oder wohin auch immer. Meine Lebenszeit führt mich – nach oben. Dorthin, wo man sich früher den ‚Himmel‘ vorgestellt hat. Dorthin, wo alles Irdische mündet, und wo es vollendet wird. Auch mein Leben. Auch meine Zeit. Die schweren Tage, die es zu bestehen gilt. Und die so lebendigen, leichten Urlaubstage, die bald wieder vorbei sein werden. Aber jetzt – jetzt lasse ich mir erstmal den friesischen Tee schmecken, und die Sanduhr rückwärts laufen.
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