Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Es ist halt so: Es gibt Menschen, die kann ich nicht leiden. Ja, mehr als das, einfach nicht ausstehen. Zum Glück sind es nicht viele, aber es gibt sie, leider. Da war vielleicht mal eine Begegnung, bei der ich das Gefühl hatte, dass mich jemand herablassend behandelt oder nicht ernst nimmt. Oder ich ärgere mich über Verhaltensweisen, die ich für rücksichtslos oder angeberisch oder einfach für unsozial halte. Und wenn dann noch eine politische Haltung dazukommt, die der meinen widerspricht – dann wächst manchmal kein Gras mehr. Das kann sogar so weit gehen, dass ich mich regelrecht auf jemanden ‚einschieße‘ – was für ein schrecklicher Begriff, und zugleich so verräterisch.
Und indem ich mich so auf jemand ‚einschieße‘, schließe ich mich auch ein, in meine Sichtweise, in meinen Groll, in meine Abneigung. Und beschäftige mich innerlich viel zu viel damit, Recht zu behalten und mein Bild vom andern zu zementieren.
Wie ich da wieder raus kommen kann? Immer wieder hab ich versucht, mit psychologischen Tricks und Übungen da raus zu kommen, aber so richtig genützt hat nichts davon. Dann hab ich in einem ganz biederen Heftchen, das ich eher aus Langeweile in die Hand genommen habe, einen Satz gelesen, der bei mir sofort gezündet hat: „Lieber Gott,“ stand da, „segne ihn einmal mehr, als ich ihn verfluche.“
Das war‘s. Das hat den Bann gebrochen. Auch wenn ich noch nie jemand verflucht habe, zum Mond gewünscht reicht ja auch. Und dann diese neue Perspektive: Ich nehm diesen nervigen Zeitgenossen – und stell ihn quasi vor Gott. Und meine Abneigung gegen ihn gleich mit dazu. Ich traue Gott zu, dass er auch den unsympathischsten oder fiesesten Menschen als sein Geschöpf liebt. Mehr in ihm sieht, als ich sehen kann: sein Kind, und damit meinen Bruder, meine Schwester. Meinen Groll muss ich nicht unterdrücken oder weglächeln. Ich darf so fühlen wie ich fühle. Aber meine finsteren Gedanken und Gefühle sind mein Bild von diesem Menschen, nicht das Bild, das Gott von ihm hatte, als er ihn geschaffen hat. Deshalb müssen wir noch lange nicht Freunde werden. Aber ich kann ihn leben lassen, weil Gott ihn leben lässt. Und nicht nur ihn, sondern auch mich selbst. Denn auch ich darf leben – mitsamt all dem, was andere an mir vielleicht auf den Mond schießen könnten.
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