Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

23AUG2025
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„Haben Sie schon ihr Testament geschrieben?“ Das habe ich die Leute beim Gottesdienst vor kurzem gefragt. Eigentlich nur, um eine geschickte Einleitung in meine Predigt zu bekommen. Ich wollte meine Zuhörer fragen: Was ist Ihnen wichtig im Leben? Was zählt wirklich für Sie? Was bleibt?

Ein paar Tage später habe ich von einer Frau einen sehr persönlichen Brief bekommen. Sie musste innerhalb kürzester Zeit ihr Testament verfassen: „Nach meiner Krebsdiagnose hatte ich bis zur OP vier Tage Zeit“, schreibt sie. Es hat etwas gegeben, was sie beim Schreiben total überrascht hat: „Beim Testament merkte ich“, so schreibt sie, „dass mir nicht mehr wichtig war, wer was bekommt. Mein Wunsch, dass etwas von dem weitergegeben und weitergelebt wird, was für mich wichtig und wertvoll war, war viel präsenter“. Am Ende des Briefes schreibt sie auch, was genau ihr seitdem so wichtig geworden ist: „Seither lebe ich sehr viel intensiver und bin achtsamer und dankbar. Und auch kritisch, wenn es darum geht, Dinge über mich ergehen zu lassen, die mir zuwider sind. Ich genieße die Zeit […] sehr viel bewusster.“

Als ich den Brief gelesen habe, habe ich gedacht: Der Frau geht es im Letzten darum, ganz sie selbst zu sein. Sie will an jedem Tag ihres Lebens so oft wie eben möglich das tun, was ihr guttut. Ihr ist bewusst geworden, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist und will sich nichts mehr aufzwingen lassen, was nicht zu ihr gehört.

Und damit sind wir bei dem, was Jesus immer wieder sagt: Auch ihm geht es ja darum, dass ich „Ich“ bin. Und dass ich so sein soll und darf, wie Gott mich gedacht hat. Für mich ist das wie ein geistliches Testament von Jesus. Ich versuche es in meinem Leben umzusetzen, so gut es geht. Auch heute wieder!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42744
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