SWR Kultur Wort zum Tag
Ich lebe und arbeite im Sommer in den Bergen. Wenn ich Besorgungen machen muss, steige ich vom Berg hinunter bis zu meinem Auto und fahre durch die Wälder ins Tal, um einzukaufen. Vor ein paar Wochen war der Fahrweg von einer Kuhherde versperrt. Es war eine Herde Jungvieh, das den Sommer auf den Almen verbringt, zu Beginn der Saison aber noch recht schreckhaft und ängstlich ist, weil alles für sie noch neu und ungewohnt ist.
Deshalb bin ich ganz langsam weitergefahren. Die meisten Tiere wichen schnell aus und glotzten mein Auto recht fragend an. Nur das letzte Tier blieb einfach mitten auf dem Weg stehen. Eigentlich blieb es nicht stehen, sondern es ging etwas nervös von der einen Seite zur anderen. Aber immer gerade nur so weit, dass ich nicht vorbeifahren konnte. Ab und an näherte es sich langsam dem Auto und schien daran zu schnuppern, schreckte dann auf und rannte geradezu ein Stück zurück. Blieb dann wieder stehen und wandte sich wieder dem Auto zu. Es wurde immer unruhiger, sein Blick streifte hin und her und schien etwas zu suchen. Ich habe überlegt, was ich machen könnte. Hupen wollte ich nicht, denn das arme Tier schien mir schon durcheinander genug zu sein. Schließlich habe ich die Scheibe heruntergelassen und meinen Kopf herausgestreckt und irgendetwas gesagt wie „Jaaa, mein Guter, lass mich vorbei“. Ich wollte das Tier beruhigen. Und es beruhigte sich auch. Aber nicht wegen meiner Stimme, wie ich zuerst gedacht hatte. Sondern ich hatte den Eindruck, dass es sich beruhigte, als wir uns in die Augen geschaut haben. Denn nachdem es meine Augen gesehen hatte, zumindest bilde ich mir das ein, wurde es ganz ruhig und ging zu den anderen an den Straßenrand. Als sich unser Blick getroffen hat, muss irgendetwas passiert sein. Das Tier muss mich als ein Lebewesen erkannt haben. Als etwas oder jemand, der auch lebt und ihm deshalb irgendwie ähnlich ist. Mit dem Auto konnte es nichts anfangen, erst als es meine lebendigen Augen gesehen hat, ist das Tier mit der Situation zurechtgekommen. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich habe es in dem Moment so empfunden. Und ich fand es sehr schön. Als wir uns angesehen haben, haben wir eine Verbindung aufgebaut, obwohl wir uns ganz fremd und völlig verschieden sind. Ich finde, das ist ein schönes Bild. Wenn wir auch ganz anders, ganz fremd sind, ganz andere Sprachen sprechen und ganz andere Wesen sind. Wenn wir es schaffen uns offen in die Augen zu sehen, nicht unsere Unterschiede, sondern unsere Ähnlichkeiten entdecken, kann eine Verbindung entstehen.
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