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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen.... Kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung!“ Dieser Marktschreier aus dem Alten Testament gibt sich auf Nachfrage als der Prophet Jesaja (55, 1-3) zu erkennen. Träumt da einer vom Schlaraffenland? Seit wann gibt’s was umsonst? Brot und Milch zum Null-Tarif? Die Bauern kommen ja schon heute nicht mehr auf ihre Kosten. Aber auch die Discounter, die sie bedrängen, wären kaum für ein solches Schnäppchen zu begeistern. Sowas funktioniert ja nicht einmal im Tafel-Laden! Eine Provokation?

Ja – ganz gewiss, denn schon zu Jesajas Zeiten prallten zwei Wirtschaftstheorien aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Da ist die Markt-Ökonomie auf der einen Seite – wir kennen sie aus unseren Tagen. Sie geht von der Knappheit der Güter aus und setzt auf unbegrenztes Wachstum, auf Kaufen und Verkaufen und Profit um jeden Preis. Markteilnehmer sind nur die mit entsprechender Kaufkraft. Wer nicht über das nötige Kleingeld verfügt, muss leider draussen bleiben.

Diesem Wirtschaftsmodell stellt Jesaja die Haushalts-Ökonomie der Bibel gegenüber. Sie unterstellt in gläubigem Vertrauen, es sei genug für alle da. Wenn wir die Güter der Erde teilen, könnten alle menschenwürdig leben. Eine Theorie, die im Prinzip auch heute noch gilt, obwohl der Planet inzwischen über sechs Milliarden Menschen beherbergt. Auch Jesus sympathisiert mit diesem Wirtschaftsmodell. Anders kann man seine Provokation nicht verstehen: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken sollt und womit ihr euch bekleidet – verbunden mit jenem naiv klingenden Hinweis auf die „Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Felde“ (Lukas 12).

Wenn Sie heute einkaufen gehen, vergessen sie bitte Ihren Geldbeutel nicht, sonst bleibt die Küche kalt.

Vergessen sollten wir vor allem eines nicht, dass das Recht auf ein menschenwürdiges Leben nicht an Kaufkraft gebunden sein darf. Soziale Gerechtigkeit muss ein Leben in Würde für alle garantieren. Es reicht aber nicht für alle, solange die einen die Sahne abschöpfen und den andern nur Magermilch übrig lassen. Wenn ein Drittel der Menschheit die Güter dieser Welt für sich beansprucht und der Rest darbt. Wenn Milliarden an Dividenden ausgeschüttet werden und immer mehr Beschäftigte mit ihren Löhnen nicht einmal mehr ein Existenzminimum erzielen.

Und darum gilt: Solange wir uns zur Markt-Ökonomie bekennen, muss die Politik für sozialen Ausgleich sorgen.


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