Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

15AUG2025
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Im Urlaub habe ich mit meiner Familie einen Tag in Amsterdam verbracht. Beim Schlendern durch die Gassen traue ich meinen Augen nicht: Ist das gerade wirklich passiert?

Ein Mann fährt mit dem Fahrrad über eine mit Menschen gefüllte Brücke. Er nutzt das Gedränge, um mehrere Frauen zu begrapschen. Ich schaue zu meiner Frau und meiner Tochter. Sie sind fassungslos.

Unangenehme Blicke, anzügliche Worte und körperliche Übergriffe - das alles ist leider für Frauen viel alltäglicher, als ich es mir lange vorstellen konnte. Ich höre ständig davon. Und auch Statistiken zum Thema Gewalt gegen Frauen belegen die Erfahrungen eindeutig. Ein Armutszeugnis für die Männerwelt.

Und eines mit langer Geschichte. Gerade deshalb fällt so sehr auf, dass Jesus schon vor 2000 Jahren ganz anders mit Frauen umgegangen ist. Damals haben Männer noch nicht mal in der Öffentlichkeit mit Frauen geredet. Jesus hatte damit kein Problem. Frauen galten als Besitz und Objekt. Jesus ist ihnen auf Augenhöhe begegnet. Männer haben die Gesellschaft dominiert. Aber Jesus ging bemerkenswert offen und unbeschwert mit Frauen um.

Einmal ist Jesus bei seinen Freundinnen Marta und Maria zu Gast. Wie damals üblich kümmern sich die Frauen um die Bewirtung der Männer. Beide Frauen? Nein. Maria macht nicht mit und setzt sich zu den Füßen von Jesus. Das klingt ein bisschen nach Unterwerfung. In Wirklichkeit ist das ein echter Emanzipationsschritt.

Zu Füßen eines Lehrers durften nach den Regeln der Zeit nur Männer sitzen. Maria erobert den Platz eines Mannes – und Jesus ist damit ausdrücklich einverstanden.

Für die Ohren vieler antiker Hörer dürfte die Erzählung damit ziemlich anstößig gewesen sein: Der Rabbi und die Schülerin zu seinen Füßen – ein Skandal, eine durchaus anrüchige Situation, eine offene Infragestellung der gesellschaftlichen Ordnung! Maria verlässt die damalige Frauenrolle. Und Jesus weist sie nicht zurück, sondern begrüßt Marias Entscheidung ausdrücklich.

Jesus, ein echter Gentleman, von dem wir als Männer viel lernen können. Und wie wäre das denn, wenn wir als Männer diese Geschichte zum Anlass nähmen, etwas mehr über uns selbst nachzudenken: Was habe ich für Gedanken über Frauen? Und wo kommen die eigentlich her? Wie begegne ich Frauen? Auf Augenhöhe oder eher von oben herab?

Vielleicht führen solche Fragen dann sogar dazu, dass in einer Männerrunde mal jemand Stopp sagt, wenn abwertend über Frauen gesprochen wird. Oder dass so ein Mann auf der Brücke in Amsterdam angehalten und zur Rede gestellt wird. Ich finde, das hätte dann wirklich was Männliches.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42718
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