Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Nur noch selten rollt sie langsam heran. Meistens hat sie sich schon meterhoch aufgetürmt, bevor sie mich erreicht hat. Einen kurzen Moment später bricht sie und entlädt sich mit lautem Toben und Tosen: Die Welle der Empörung.
Manchmal kommt die Welle von links, manchmal von rechts. Für jeden Empörungswellen-Surfer sind es traumhafte Bedingungen. Denn die Wellen rollen in einer Konstanz und Beständigkeit heran. Wir müssen nie lange warten, um unsere tägliche Portion Empörung mitzunehmen.
Durch Social Media wird das Ganze nochmal beschleunigt. Und schon merke ich, wie die Welle mich mitreißt. Ich schimpfe auf die andere Meinung. Oder gleich auf den anderen. Wie kann er es wagen, so etwas zu äußern!? Das geht einfach gar nicht. Irgendwie gibt mir dieser Ritt auf der Welle einen gewissen Kick.
Aber halt. Nochmal kurz zurück. Am Anfang stand eine Meinung, die ich nicht teile. Das ist ja erstmal nichts Ungewöhnliches. Aber im Handumdrehen spreche ich nicht mehr über eine andere Meinung, sondern über den Anderen.
Dieser Dynamik war sich schon ein Autor aus der Bibel bewusst – Jakobus. Er schreibt:
„Jeder Mensch soll schnell bereit sein zuzuhören. Aber er soll sich Zeit lassen, bevor er selbst etwas sagt oder gar in Zorn gerät.“
Die Empörungswellen mögen schneller geworden sein. Ein neues Phänomen sind sie nicht. Schon immer scheinen wir Menschen dazu zu neigen, uns von Empörung anstecken zu lassen.
Jakobus beschreibt einen möglichen Wellenbrecher. Und auch der hat mit Tempo. Schnell bereit sein zuzuhören, sich Zeit lassen, bevor man etwas sagt oder gar wütend wird.
Im Grunde wird die Dynamik hier umgekehrt. Ich nehme mir Zeit zuzuhören. Und danach nehme ich mir nochmal Zeit. Ich stelle Fragen, anstatt vorschnell meine Antwort zu geben. Ich entscheide mich, verstehen zu wollen. Und dann denke ich vielleicht sogar nochmal drüber nach. Und erst dann rede ich. In der Regel klappt das besser Face to Face als im digitalen Raum.
Zuhören heißt nicht, dass ich dem Anderen damit zustimmen würde. Das heißt schon gar nicht, dass ich die andere Meinung legitimiere. Das heißt auch nicht, dass ich mich nicht abgrenzen und menschenverachtende Aussagen klar benennen darf.
Zuhören ist etwas, dass ich meinem Gegenüber gewähre. Damit wir eine Chance haben, beieinander zu bleiben. Indem wir einander zuhören, halten wir zusammen etwas Menschlichkeit fest.
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