SWR Kultur Wort zum Tag
Vor einigen Jahren bin ich gemeinsam mit einer Gruppe Studierender mehrere Tage auf dem Lutherweg gepilgert, zwischen Erfurt und Eisenach. Wir haben in Jugendherbergen und Gemeindehäusern übernachtet. Jeden Morgen und Abend haben wir miteinander gebetet und gesungen und haben uns über ein biblisches Wort Gedanken gemacht. Tagsüber sind wir streckenweise im Schweigen gegangen. Wir haben genau auf unseren Atem gehört, haben Geräusche und Gerüche wahrgenommen und die Landschaft ganz bewusst angesehen und erlebt.
An einem Tag haben wir über einen Satz des Apostel Paulus nachgedacht: „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2).
Um zu verstehen, was das bedeutet, haben wir alle unsere Rücksäcke in die Mitte gelegt und für zwei Stunden den Rucksack eines anderen getragen. Manche dieser Rucksäcke waren leicht und einfach zu tragen. Bei anderen hat der fremde Rucksack nicht auf den Rücken gepasst, war zu groß, zu klein oder viel schwerer als der eigene und unpraktisch. Aber egal. Alle haben für eine Weile die Last eines anderen getragen.
Bei unserer Mittags-Rast tauschen wir uns über unsere Erfahrungen aus. Jonas erzählt, dass es seltsam für ihn war, den Rucksack von jemand anderem zu tragen. Da sind nicht seine Sachen drin und irgendwas hat ihm die ganze Zeit in den Rücken gedrückt und weh getan.
Ina stöhnt, dass ihr Rucksack viel zu groß und schwer für sie war. Damit könnte sie nie im Leben eine längere Tour machen. Sie ist froh, als sie ihn wieder zurückgeben kann. Manuel erklärt, dass er so daran gewöhnt ist, seinen eigenen gut eingestellten Rucksack mit breiten Gurten zu tragen, dass er mit den Schultergurten des anderen einfach nicht klargekommen ist.
Alle drei sind sich einig, dass es schwierig ist, die Lasten eines anderen zu tragen. Ist es denn für jemand auch eine gute Erfahrung gewesen?, frage ich irgendwann.
Lena meldet sich und erzählt, dass sie dankbar ist, dass jemand anderes für eine Weile ihren schweren Rucksack getragen hat. Ihr Rücken konnte sich in der Zeit erholen und sie wird in Zukunft nie wieder so viel in ihren Rucksack packen.
So hat das Paulus also gemeint: Wenn jemand schwer trägt, weil Krankheit, Verlust oder eine Krise das Leben schwer machen, dann hilft es, damit nicht alleine zu sein. Den Lebensrucksack können wir uns zwar nicht gegenseitig abnehmen. Aber wir können sehr wohl helfen, eine Weile etwas mitzutragen, was schwer auf den Schultern oder auf dem Herzen liegt. Und wer weiß, irgendwann wird dann vielleicht auch jemand für uns etwas mittragen.
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