SWR Kultur Wort zum Tag
Vor einiger Zeit habe ich mit Studierenden zusammen zum ersten Mal einen Gottesdienst in einer Bar gefeiert.
Die Bar der evangelischen Hochschulgemeinde in Mainz ist an diesem Abend gut gefüllt und die Stimmung ist erwartungsvoll. Die Bühne der Bar ist pink ausgeleuchtet. Seitlich vor der Bühne steht ein Bistrotisch mit weißer Tischdecke als Altar. Darauf steht eine große Kerze. Vier Studierende haben sich extra für den Kneipengottesdienst als Band zusammengefunden. Zwei Violinen, eine Gitarre und ein Klavier. Sie sitzen am Rand der Bühne. In der Mitte der Bühne ist ein Pult aufgestellt. Von dort gibt's an dem Abend Texte, Gedichte und Gedanken.
Die Band beginnt den Gottesdienst mit Swing-Musik. Nach kurzer Begrüßung und Gebet tragen verschiedene Studierende selbstgeschriebene Texte und Gedichte vor. Alle sprechen von der Hoffnung. Hoffnung - dieses Thema haben wir als Überschrift über das ganze Semester gesetzt.
Zwischen den kurzen Texten spielt die Band. Texte und Musik geraten im Laufe der nächsten halben Stunde immer mehr in Schwingung miteinander und es breitet sich eine ganz eigene dichte Atmosphäre aus. Kerzenschein und pinkfarbenes Licht auf der Bühne tragen ihren Teil dazu bei.
Lukas spricht vom Glas, das für ihn halb voll ist und nicht halb leer. Er schreibt seine Doktorarbeit in Physik und trotzdem ist der Glaube für ihn wichtig: Für alle Energie, die nicht wissenschaftlich erklärbar ist und ihm Hoffnung schenkt. Leyla, eine geflüchtete Christin aus Syrien, die in unsere Gemeinde kommt, erzählt, warum Hoffnung für sie kein Luxusgut ist, sondern eine existenzielle Entscheidung: Wenn sie aufhört zu hoffen, hört sie auf zu leben. Und die Sportstudentin Claudia lädt uns ein, unsere Füße fest auf den Boden zu stellen, Kopf und Rückgrat aufzurichten und tief ein- und auszuatmen. Wer auf dem Boden der Tatsachen steht und achtsam und respektvoll in die Welt schaut, kann mit anderen gemeinsam Hoffnung verbreiten, trotz allem. Davon ist sie überzeugt.
In der Bar ist es still geworden. Alle hören gebannt zu. Die Band improvisiert mit ruhigen Klängen. Auf einem Kneipentisch stehen Teelichter bereit. Alle sind nun eingeladen, ein Licht anzuzünden und ein Gebet zu sprechen: einen Wunsch, einen Namen, laut oder leise ausgesprochen, gedacht, gespürt und vor Gott gelegt.
Viele Teelichter brennen an diesem Abend in der Bar. Lange sitzen wir nach dem Gottesdienst noch zusammen bei Pizza und einem Getränk für alle und sprechen über das, was wir erlebt haben. Einige sind noch eine Weile still, manche lernen sich gerade erst kennen, lachen sich an, prosten sich zu. In der Bar begegnen sie sich und Gott ist mitten drin.
