SWR4 Sonntagsgedanken

10AUG2025
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Ich bin kein Prophet. Ich weiß nicht, was kommen wird. Umso aufmerksamer höre ich Propheten zu, wenn ich welchen begegne. Propheten – das sind Leute, die etwas gesehen haben. Die etwas jetzt schon wissen. Die tiefere Einsicht haben. Den größeren Weitblick.

Solche Leute gibt es auch heute. Gar nicht so wenige. Wenn alles gut geht, dann werden sie auch gehört, zum Beispiel auf einem Rundfunksender oder in einer Zeitung. Prophet auf Sendung! Jetzt!

Vor 2500 Jahren gab es noch kein Radio. Aber auch da waren Propheten auf Sendung. Direkt von Gott ausgesandt und mit einer Botschaft losgeschickt.

Ein Prophet – Jesaja hieß er – hat damals seine Heimatstadt Jerusalem betrachtet: den Berg, auf dem Gottes Tempel stand. Gottes Haus in der Mitte der Stadt: Da konnte doch nichts mehr schiefgehen! Aber Jesaja hat Unheil und Verderben gesehen. Ungerechtigkeit und Korruption. Und dann einen großen Krieg.

Doch da gehen die Wolken über dem Tempel auf. Und der Prophet sieht noch viel mehr, er sieht weit über Unheil und Krieg hinaus: Der Berg, auf dem Gottes Haus steht – der wird größer sein als alle anderen Berge. Er wird sie alle überragen. Kein Krieg und kein Erdbeben können ihm etwas anhaben.

Und Jesaja sieht Menschen, unzählige Menschen. Von allen Seiten strömen sie auf den Berg mit Gottes Haus zu. Aber sie haben nicht Krieg im Sinn. Nein, sie wollen lernen. Sie wollen wissen, welche Wege Gott den Menschen zeigt. Wege zum Frieden, zum Glück, zu Gerechtigkeit. Wege dorthin, wo alles heil wird, wo alles endlich gut wird.

Jesaja sieht, wie Gott selbst den Streit schlichtet. Streit zwischen Völkern, zwischen mächtigen Staaten. Und dann bringen die Völker ihre Schwerter. Die schmieden sie zu Pflugscharen um. Und aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen machen sie Winzermesser. Die Schwerter werden jetzt nicht mehr gebraucht! Kein einziges Volk braucht mehr Waffen. Niemand lernt mehr, wie Krieg geht.

Mein Gott, was für Bilder! Tröstend und voller Hoffnung – von Gott für sein Volk. Verkündet von seinem Propheten. Aber vielleicht sind sie doch zu großartig, diese Bilder? Ich fürchte, Jesajas Zeitgenossen konnten damit erstmal nicht viel anfangen. Sie wollten ihm nicht glauben. Jedenfalls nicht gleich. Später haben sie es dann doch aufgeschrieben. Und jetzt steht es seit über 2000 Jahren in der Bibel.

Vielleicht stimmt es ja doch, was die Propheten gesehen haben? Viele Menschen haben darauf gehofft. Zu den unterschiedlichsten Zeiten. Und ändert sich nicht schon etwas, wenn man darauf hofft? Fest daran glaubt? Auch heute?

Ja, ich weiß: Es klingt wie ein Märchen. Aber ich weiß auch: Wenn das Herz so voller Glauben und Hoffnung ist, dann kann sich etwas ändern. Ich weiß von Menschen, die so ein Herz haben. Ein Herz voller Glauben und Hoffnung. Voller Sehnsucht, dass die Menschen endlich den Weg zum Frieden finden. Oft leben solche Menschen dort, wo es am schlimmsten ist. Wo gar keine Hoffnung ist. Wo niemand an etwas anderes glaubt als an Hass und Gewalt.

Die Propheten in der Bibel, die haben in solchen schlimmen Zeiten gelebt. Und trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben. Dass die Welt nicht bleiben muss, wie sie ist. Dass Gott sich nicht einfach abfindet mit dem Unheil. Dem Unfrieden und Hass, der Gemeinheit.

Und sie haben auch den Weg gesehen, den Gott dorthin zeigt. „Gottes Weisung“ – in ihrer Sprache: „Tora“. So heißt bei den Juden der wichtigste Teil der Bibel. Das sind die ersten fünf Bücher, auch in meiner christlichen Bibel. Da drin stehen die Zehn Gebote. Zehn – und noch viel mehr. 613 insgesamt. Die sind wie ein Kompass. Ein Kompass, mit dem man sich auf den Weg machen kann.  Und das, was man nicht gleich versteht – über das muss man einfach immer wieder nachdenken. Und mit anderen darüber sprechen. Lernen. Ein ganzes Leben lang.

Damit kann man wirklich nie aufhören. Und nicht aufhören, auf wirklichen Frieden zu hoffen. Frieden, der mehr ist als eine Pause zwischen zwei Kriegen. Ja, das klingt wie ein Märchen. Aber wer diese Vision, dieses Prophetenbild einmal im Herzen hat, der vergisst das nicht mehr.

Und wenn Ihnen das Bild zu groß ist – dann gibt es eine ganz einfache Lösung: Machen Sie es kleiner. So dass es in Ihren Alltag passt. So wie man einen 200-Euroschein in Kleingeld wechselt, damit man damit bezahlen kann. Nehmen Sie dieses Kleingeld in Ihren Alltag: ein Lächeln, ein freundliches Wort, eine hilfreiche Hand. Denken Sie nicht, das nützt ja doch nichts! Wenn wir das alle üben, jeden Tag, dann fängt die Welt an, sich zu verändern – und so zu werden, wie der Prophet sie gesehen hat. Gott ist da, mitten unter uns. Und wo Gott ist, da ist jetzt schon Frieden.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42687
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