SWR4 Sonntagsgedanken
Mal wieder die innere Stimme hören …
… heute mit Pastoralreferent Thomas Macherauch. Guten Morgen.
Es sind Ferien – und ich stehe im Stau. Na prima. Eigentlich wollten wir mit der Familie wegfahren und was erleben. Dann das: 14 Kilometer Stau. Nichts geht mehr.
Wir sitzen im Auto und sind ganz schön sauer! Für abends haben wir einen Tisch reserviert; uns erwartet ein leckeres Essen. Aber das wird wohl nichts werden. Schade! Auch die anderen Autofahrer sind frustriert. Einige regen sich auf, fuchteln rum und steigen aus dem Auto.
Es dauert eine Weile, aber was dann passiert, ist eigentlich genial: viele Leute entspannen sich. Einige trinken Kaffee aus Thermoskannen, gehen aufeinander zu und unterhalten sich. So ein Stau hat auch Gutes. Ich muss ent-schleunigen, langsam machen und anhalten. Ich brauche nicht mehr auf den Verkehr achten und habe Zeit für anderes. Das nutzen auch wir: Wir wenden uns einander zu und erzählen uns von dem, was gerade los ist, was uns beschäftigt und aus den letzten Wochen nachhängt. Das tut gut und befreit innerlich. Bei mir tauchen Bilder, Namen, Gesichter auf – einige hatte ich schon fast vergessen.
Im Alltag geht es bei mir auch oft zu wie auf der Autobahn: ich rase von einem Termin zum nächsten; ich funktioniere; immer mehr in immer kürzerer Zeit. Kommt dann endlich der Urlaub, bin ich auch da versucht, mir die freien Tage vollzupacken mit allem Möglichen. Dabei ist es so wichtig, einfach mal runter von der Straße zu fahren und frische Luft zu schnappen, spazieren zu gehen, sich auf die Liege zu fläzen und ein wenig unverplante Zeit zu genießen! Das zeigt mir dieser Stau.
Ich muss ja nicht gleich ganz auf Null runterbremsen. Aber zumindest langsamer machen, damit die Seele nachkommen kann. Was auf mich einprasselt, muss ich verarbeiten, sonst wird es schnell zu viel und ich bin gestresst. Ich brauche Zeit, um auf meine innere Stimme zu hören. Denn was mein Bauch sagt, ist wichtig! Er berät mich oft, wenn ich mich entscheiden muss: ob ich rechts oder links abbiege, den grünen oder den blauen Vorhang kaufe, mich auf eine Person einlasse oder nicht. Nur wenn ich in mich gehe, weiß ich, was ich mir wünsche und wonach ich mich sehne. Ich kann meinem Bauchgefühl folgen und bin zufriedener. Und das merken dann auch andere.
Es braucht Auszeiten übrigens auch, damit ich mal ganz grundsätzlich meine Position prüfen kann: Woran orientiere ich mich eigentlich? Was ist mir wichtig? Welchen Schildern folge ich, wenn ich auf der Straße meines Lebens unterwegs bin?
Mich lässt da nicht los, was mir aufgefallen ist, als mein Chef neulich seine Stelle gewechselt hat.
Was wirklich zählt …
Es ist wichtig, immer wieder mal langsam zu machen und durchzuschnaufen – nicht nur in den Ferien. In meinen Sonntagsgedanken habe ich behauptet, dass das auch sinnvoll ist, um sich zu orientieren und zu fragen, was im Leben eigentlich zählt.
Vor zwei Wochen haben wir den Dekan von Bruchsal verabschiedet. In den Grußworten wurde er viel gelobt: Er habe Menschen vernetzt, zusammengeführt und sie ernst genommen. Er sei ihnen auf Augenhöhe begegnet, war großzügig und vielen ein Freund. Und er habe sie spüren lassen, wie sehr er in allem, was er tut, auf Gott vertraut. Das habe viele inspiriert.
Der Dekan hatte auch die Verwaltung gut im Griff. Aber kein Redner hat erwähnt, wie viele Gebäude er saniert oder wie viele Rücklagen er gebildet hat! Das fand ich interessant. Es ging nur darum, was er den Leuten bedeutet hat.
Wer möchte ich sein? Was ist mir wichtig? Darum geht es auch in den Bibeltexten, die heute in katholischen Gottesdiensten gelesen werden. Sie erzählen von einem Mann, der große Scheunen baut, um seinen Reichtum zu sichern. Doch was hat er davon? Am Ende kann er nichts mitnehmen; ein Totenhemd hat keine Taschen.
Reichtum ist mehr als Besitz. Reichtum schließt auch die Gaben mit ein, die jede und jeder hat. Die Bibelstelle fragt also auch danach, wie ich mit diesen Schätzen umgehe: Schließe ich sie weg und kreise um mich selber? Oder entfalte ich meine Gaben und tue etwas dafür, mich und andere zu bereichern, also reich zu machen mit dem, was man nicht kaufen und besitzen kann?
Das klingt abstrakt. Es gibt ein Lied, das diese Gedanken konkret macht; es heißt: „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde“. In dem Lied geht es darum, dass Gott am Ende nicht fragen wird: „Was hast du gespart und besessen? Seine Frage wird lauten: Was hast du geschenkt und geteilt, wem hast du genützt und gedient, was hast du für andere gewagt und bewirkt, wen hast du gewärmt und geliebt?“ Damit lässt sich doch was anfangen.
Ich glaube, am Ende zählt vor allem das, was zwischen Menschen passiert. Nicht der Besitz. Natürlich darf ich genießen, was ich zum Leben habe. Aber für mich ist es noch wichtiger, dabei auch die anderen im Blick zu haben; etwas dafür zu tun, dass das Miteinander gelingt. Ich glaube, zusammen sind wir besser dran als alleine. So wie in dem Stau, von dem ich erzählt habe: zwar ist uns ein leckeres Abendessen flöten gegangen; aber wir haben unsere Snacks geteilt, miteinander gesprochen und uns aufgemuntert, wenn einer den Koller gekriegt hat. Das war doch viel wertvoller! Es ist mir bis heute hängen geblieben.
Vielleicht sind Sie gerade zuhause, unterwegs in den Urlaub oder stehen im Stau und machen sich wie ich so Ihre Stau-Gedanken. Wie auch immer: ich wünsche Ihnen genügend Pausen, in denen Sie Ihren Weg durchs Leben genießen und die Seele nachkommen lassen können. Und ich wünsche Ihnen Zeiten, in denen Sie sich vergewissern können, ob Sie so unterwegs sind, wie Sie auch wirklich unterwegs sein wollen.
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