SWR3 Gedanken

05AUG2025
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„Oh, könnte mein Kind doch einfach normal sein.“ Carla hat das vor ein paar Jahren zu mir gesagt. Carla, ihr richtiger Name ist anders, fließen die Tränen die Wange runter. Ihr Kind ist mit einer geistigen Einschränkung auf die Welt gekommen. Das hatte sie und ihren Mann eiskalt erwischt.

Kurz nach der Geburt haben wir uns unterhalten. Ein paar Jahre ist das inzwischen her. Und bei unserem ersten Gespräch sagt sie diesen Satz: „Oh, könnte mein Kind doch einfach normal sein.“ Ich höre zu, bin da, ein Gegenüber. Carla kann sich alles von der Seele reden. „Verstehen sie mich nicht falsch. Ich liebe mein Kind. Aber die ganzen Vorstellungen, Hoffnungen, Erwartungen, die sind mit der Diagnose zerplatzt wie eine Seifenblase. Wo war Gott da?“ Mit dem Finger macht sie dazu eine zustechende Bewegung in die Luft. Als ob sie eine Seifenblase damit zerplatzen lässt.

Über die Jahre sitzen wir immer wieder zusammen. Oft erzählt Carla davon, dass es doch kleine Fortschritte gibt. Mehr möglich ist, als ursprünglich gedacht. Aber „normal“, wie sie es wenige Wochen nach der Geburt genannt hat, wird ihr Kind nie sein. Alleine leben ausgeschlossen. Hilfe wird immer nötig sein.

Viel hat sich über die Jahre bei Carla verändert. Besonders: Sie redet nicht mehr davon, dass ihr Kind nicht „normal“ sei. Sie erträgt es auch nicht einfach nur. Sondern inzwischen sagt sie, dass ihr Kind genauso genau richtig ist.

Ich höre ihr heute immer noch zu. Und denke zurück an den Finger, mit dem sie in die Luft gestochen hat. Der Finger erinnert mich an Michelangelos „Die Erschaffung Adams“. Gott streckt dort seinen Finger aus, zur Hand des Adam. Gesegnet ist ein Leben nicht dann, wenn es „normal“ ist. Gesegnet ist ein Leben, wenn es von Gott berührt ist.

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