SWR Kultur Wort zum Tag
„Bitte … zeichne mir ein Schaf!“ Mit diesen Worten weckt der kleine Prinz in dem Buch von Antonie de Saint-Exupéry den namenlosen Erzähler. Der ist begriffsstutzig. „Wie bitte?“ fragt er. „Zeichne mir ein Schaf!“ wiederholt der kleine Prinz. Der Erzähler bemüht sich, widerwillig und ziemlich erfolglos. Drei-, viermal versucht er es. Der kleine Prinz ist mit allen Zeichnungen unzufrieden. Da geht dem Zeichner die Geduld aus. Er malt eine Kiste mit drei Löchern an der Seite und knurrt: „Das ist die Kiste. Das Schaf, das du willst, steckt da drin.“ Die überraschende Wendung: Der kleine Prinz ist sehr zufrieden mit der Zeichnung. „Das ist ganz so, wie ich es mir gewünscht habe,“ sagt er.
Saint-Exupery war Pilot. Heute, vor über achtzig Jahren, starb er bei einem Aufklärungsflug über dem Mittelmeer. Doch sein Buch Der kleine Prinz trägt seine Gedanken bis heute weiter.
Die Geschichte vom Schaf in der Kiste ist verblüffend alltagstauglich. Sie erzählt etwas über den Umgang mit Problemen und ihren Lösungen.
Das Schaf in der Kiste ist kreativ. Der Erzähler kann nach eigener Aussage nicht gut zeichnen. Und der kleine Prinz ist gnadenlos. Alle Zeichnungen verwirft er. Bis der Erzähler um die Ecke denkt. Das Schaf in einer Kiste versteckt. Manchmal geht mir das auch so: Ich verbeiße mich in ein Problem, nehme immer wieder neue Anläufe. Nichts gelingt. Ich setze mich dann aufs Fahrrad oder gehe eine Runde spazieren. Das hilft meistens. Bringt mich auf andere Gedanken und Ideen. Ich finde sozusagen die Kiste für das Schaf.
Das Schaf in der Kiste erzählt aber auch etwas darüber, wie Schwäche in Stärke verwandelt wird. Da kann jemand nicht gut zeichnen. Also macht er, was er besser kann. Bringt seine Fantasie in Schwung. Da liegen die Stärken des Erzählers. Auch ein alltagstauglicher Tipp. Wie kann ich das, was ich wirklich gut kann, in alltägliche Situationen einbringen? Und wenn es nur darum geht, ein Schaf zu zeichnen.
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