Begegnungen

10AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in
Stipe Erceg copyright: Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann trifft: den Schauspieler Stipe Erceg.

In dem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ feierte er an der Seite von Julia Jentsch und Daniel Brühl seinen Durchbruch. Seither gehört er zu den markantesten Charakterdarstellern des deutschen Films. Etwa in Produktionen wie „Der Baader Meinhof Komplex“ oder zuletzt in Serien wie „Asbest“ , „Helen Dorn“ oder „Love sucks“. Stipe Erceg wurde vor 50 Jahren in Kroatien geboren, später wuchs er in Tübingen auf.

Ich bin unter Akademikerkindern aufgewachsen als Gastarbeiterkind, das war eigentlich ganz interessant. Also ich kam aus einem ganz anderen Milieu, aber alle meine Schulkameraden waren Kinder von Ärzten, Professoren, Rechtsanwälten, Notaren.  

Stipes Mutter hingegen ist Krankenschwester. Sein Vater Kraftfahrer. Warum ist der in den 1970er Jahren aus dem damaligen Jugoslawien weggegangen?

Aus beruflichen und politischen Gründen. Der hat Armeedienst geleistet und dann haben sie ihm einen Posten angeboten, Offizierslaufhaben usw. zu machen, aber dafür musstest du in die kommunistische Partei eintreten und das war absolut klar, dass er das nicht tun wird. Und entweder du warst Kommunist oder du bist in die Kirche gegangen - und so war das und die standen dann vor der Kirche und haben geschaut: wer geht in die Kirche? Und die andern haben geschaut: wer steht vor der Kirche? Und dann hat er keine Arbeit gekriegt. Und dann hat er sich entschieden nach Deutschland zu gehen.

In Tübingen finden er und seine Frau Arbeit. Doch Stipe und seine Schwester müssen wie viele Kinder von Gastarbeitern bei ihrer Großmutter in Kroatien bleiben. Bis der Schmerz von Stipes Mutter zu groß wird:

Weil ich meine Mutter nicht mehr erkannt hab nach drei Jahren - hab gesagt: „Wer bist du?“ Und das hat sie geschmerzt. Meine Mutter hat später auch zu meiner Frau gesagt -wir sollen das nie machen, nie unser Kind so wegzugeben - das ist ein Schmerz gewesen für meine Mutter ihr Leben lang.

An seine Großmutter hat Stipe wiederum sehr schöne Erinnerungen, besonders den Glauben an Gott hat sie ihm in die Wiege gelegt. Er erinnert sich gerne an sie, eine Frau voller Liebe und voller Religiösität, und merkt: da sind seine spirituellen Wurzeln:

Um zu verstehen, wo ich herkomme. Ich meine nicht geographisch wo ich herkomme, sondern was mich geprägt hat als Mensch - und ich bin aufgewachsen bei meiner Großmutter und sie hat immer gebetet.

Bis heute setzt sich der Schauspieler daher gerne in Kirchen und hält inne. Ab und zu geht er auch in Gottesdienste. In der Messe berührt den Katholiken vor allem eine Geste - der Friedensgruß, denn da geht ihm auf:

 „ Nun reichet euch die Hände, der Friede sei mit dir.“ Und dann gibt man sich so die Hand und ich dachte mir: Wenn man jemandem die Hand gibt, dann bedeutet das eigentlich erst mal: Der Friede sei mit dir. Das ist erstmal so eine Grundvoraussetzung, dass wir einen Dialog führen können. Friede mit dir und mit mir - und dann beginnt man einen Dialog.

Mit Offenheit in die Begegnung gehen. Das wünscht er sich in unserer Gesellschaft viel mehr. Ich treffe Stipe Erceg in Berlin, wo er lebt. Als Schauspieler mimt er oft zwielichtige und zerrissene Charaktere, die als Gangster oder Terrorist Schuld auf sich laden. Und auch privat ist für Stipe Erceg menschliche Schuld ein Thema, das ihn beschäftigt:

Ich hab auch sicherlich Leute verletzt, verbal, jetzt physisch nicht, weil ich auch provokant war und das ist dann auch zurückgekommen. Also ich habe dann auch dafür bezahlt und das ist auch richtig so, weil wenn du das erfährst und erkennst, dann wirst du anders handeln. Du wirst verstehen: Nichts wird unentdeckt bleiben. Nichts. Das zum Beispiel kann ich sagen ist eine Form von Gott.

Für Stipe Erceg gehört zu seinem Glauben an Gott auch Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Deshalb sagt er: Das Schlimmste, was dem Menschen passieren kann, ist: wenn er Gott vergisst. In der Serie „Culpa - Niemand ist ohne Schuld“ spielt Stipe Erceg einen Priester, der Menschen die Beichte abnimmt. Wie ein Kammerspiel, gedreht in der Zionskirche in Berlin. Auch ganz persönlich kann Stipe Erceg der Beichte etwas abgewinnen. Er erzählt mir von einem besonderen Erlebnis, als er in einem Urlaub in Kroatien am Strand in einer kleinen Kirche beichten ging:

Da war eine kleine Kapelle und ich bin dann da so rein. Danach: monatelang ich hab so ne Leichtigkeit gehabt! Das war so ein schönes Gefühl! Und ich weiss, was mir das gegeben hat .

Er nennt es Gnade. Dinge aussprechen zu können, die auf seiner Seele lagen und zu spüren, dass Gott verzeiht.

Du hast es sagen können und der Mensch hat es für sich behalten und er vergisst es auch. Wir tragen so viele Dinge mit uns, wir trauen uns nicht mal unseren Partnern bestimmte Dinge zu sagen, weil wir sie nicht belasten wollen. Ich mein wen hast du wirklich wo du diese Dinge loswerden kannst? Und ich glaube deshalb ist es nach wie vor richtig, dass es das gibt.

Stipe Erceg glaubt, dass Gott nicht nur in der Kirche, sondern überall zu finden ist - auch, wenn er durch die Straßen von Berlin geht. Er ist ein Gottsucher - mitten in der Großstadt. Und er nennt das: Pilgern im Alltag.

Einfach aufmerksam durch die Welt zu gehen. Also ein Lächeln jemandem zu schenken und ich mein eine offene Haltung zu haben und das alles sehen, auch diese Schwierigkeiten in dieser Welt, sobald du das siehst, das gibt dir etwas als Mensch - wenn du Leid siehst, wenn du einen Obdachlosen siehst - und das in sein Herz hineinzulassen, erst dann kannst du so etwas wie Mitgefühl erfahren, daran wächst du als Mensch, das macht dich demütig.

Und das ist für ihn gelebte Spiritualität. Der überzeugte Familienmensch hat das auch seinen beiden Söhnen mitgegeben:

Sei aufmerksam, wach, Augen auf - so musst du durchs Leben gehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42656
weiterlesen...