Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Es gibt ja so Sachen, die machen gute Laune, einfach weil es sie gibt:
Ich hab‘ so eine Sache auf Menorca gesehen. Typisch für Menorca sind diese Garten- und Hoftore, die an den weiß getünchten Mauern hängen. Sie sind aus dem Holz der wilden Olivenbäume und die Streben sind so geschwungen wie die knorzigen Äste eben sind. Und es gibt noch eine Besonderheit an diesen Toren: Das Tor ist nicht mit einem Scharnier am Torpfosten befestigt. Es hängt mit einem Ring – ziemlich locker - am Torpfosten und damit es unten am Boden nicht ausbricht, sitzt es in einer Vertiefung als Führung. Für diese Vertiefung werden Flaschen, solche mit diesem ganz bauchigen Böden, kopfüber in den Boden einbetoniert. Man nimmt Sekt- oder Champagnerflaschen, denn die haben die schönste Bodenwölbung. Natürlich gäbe es technisch andere Möglichkeiten, gibt es ja sonst überall auf der Welt auch.
Ich frage eine Menorquinerin, warum sie das so machen. „Keine Ahnung“, sagt sie. „Ist doch schön, oder? Du musst zugeben, es ist schöner, Flaschen als Befestigung zu vergraben als einfach Scharniere anzubringen.“
Das muss ich zugeben. Und ich mag die Leichtigkeit, mit der sie antwortet. Sie erzählt nicht, dass diese Technik vermutlich mal irgendwann aus der Not geboren wurde mit dem Material, was man eben hatte. Sie erzählt auch nicht davon, dass „man“ das halt so macht, weil das irgendwie seitdem Tradition ist. Sie sagt: Ist doch schön, oder?“ Und ihre Augen leuchten.
Ich stelle mir vor, dass die Augen der Menschen, die erlebt haben, wie Jesus, Wasser in Wein verwandelt hat, auch so geleuchtet haben. Sie hatten fast diebische Freude daran, dass er sich nicht zu schade war für so ein Fest-Wunder.
Wie die menorquinischen Tore ist das weder etwas zum Nachahmen noch ist es ein praktischer Tipp. Es erinnert uns daran: Leben, das ist nicht nur das, was notwendig ist. Oder das, was praktisch ist. Leben, das sind auch diese herrlichen Dinge, die wir mit leuchtenden Augen erzählen und damit von uns selbst preisgeben, was das Leben für uns einzigartig und wiedererkennbar macht. So wie die vergrabenen Sektflaschen unter Gartentoren. Ist doch schön, oder?
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