SWR Kultur Wort zum Tag
Ich bin in Bad Cannstatt aufgewachsen. Und habe dort auch regelmäßig die Gottesdienste in der Stadtkirche besucht. Der Pfarrer hat das Stille Gebet immer mit demselben Psalmvers beendet: „Herr, wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft“ (Ps 138,3).
Das Stille Gebet war der Moment, in dem man Gott mit seiner inneren Stimme sagen konnte, was einen beschäftigt hat. Ich kann mich daran noch gut erinnern: An meine Kinder- und Jugendgebete um tolle Spielsachen, Freunde, gute Noten. Manchmal habe ich auch gar nicht gewusst, was ich jetzt beten soll. Weil es mir einfach gut ging. Und es da gerade einfach nichts gegeben hat, worum ich den lieben Gott hätte bitten können. Aber die Worte von der großen Kraft, die Gott der Seele schenkt, haben mir gutgetan, ob ich nun gebetet habe oder nicht. Ich habe mich aufgehoben gefühlt. Irgendwie umfangen. Und: gestärkt.
Das habe ich auch auf einer Reise zu Gemeinden unserer Partnerkirche in Papua erfahren. Dort sind die Menschen viel mit dem Boot unterwegs, zum Fischen, oder um zwischen den vielen Inseln hin- und herzufahren. Das Boot ist für sie ein wichtiges Verkehrsmittel. Und oftmals ist das Meer auch rau und unruhig, und die Fahrten sind dadurch nicht ungefährlich. Das habe ich selbst erlebt. Aber vor jeder Überfahrt haben die Papua im Boot ganz selbstverständlich innegehalten und gebetet. Um Schutz und Bewahrung für die Fahrt. Und nach der Ankunft auf der anderen Seite gab es diese Unterbrechung wieder. Dieses gemeinsame Gebet hat mir gutgetan. Ich habe gespürt: diese Menschen wissen genau, was es heißt, sich ganz und gar Gott anzuvertrauen.
Das habe ich auch bei der alten Frau im Seniorenheim eindrücklich gespürt, die ich immer wieder besuche. Sie leidet an Demenz. Oft weiß sie nicht mehr, was vor zehn Minuten geschehen ist. Sie verliert immer wieder den Faden ihres Lebens. Aber eines verliert sie nie: Ihre Dankbarkeit. Ich finde das beeindruckend. Jeden Abend bedankt sie sich für alles, was gut gewesen ist an diesem Tag. Für die freundliche Pflegerin, das gute Essen oder einfach für einen Moment, in dem sie gelacht hat. Und jeden Morgen dankt sie für alles, was gut war in der Nacht. Das Danken gibt ihrer Seele Kraft. Wir beten oft zusammen. Auch mit diesem Psalmvers. Und bei aller Vergesslichkeit spricht sie diese Worte immer mit: „Herr, wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.“
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