SWR1 Begegnungen

27JUL2025
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Ralf Eisenhut copyright: Privatfoto

Die Gegend wirkt auf mich wie ein Paradies – mit Wasser und Obstgärten. Wir unterhalten uns aber über einen Ort, der gerade überhaupt nicht paradiesisch ist. Wegen Krieg – mit Verletzten und Toten - in der Ukraine. Ralf Eisenhut ist immer wieder dort – inzwischen über den Verein „Lindau hilft“. Seit 2022 ist er 15 Mal in der Ukraine gewesen.

Die letzten Male war ich hier an der Front bei Soldaten. Das waren 150 Soldaten in diesem Bataillon und für die habe ich täglich gekocht.  

Mehrere Wochen lang kochen für Soldaten an der Front in der Ukraine – das ist außergewöhnlich! Er übernachtet in seinem Transportwagen und hat eine Feldküche dabei. Die stellt er bei Soldaten auf, die andere Soldaten versorgen. Wie kann ich mir das vorstellen?

Bei den Soldaten, die waren in einem zerbombten Dorf, dort habe ich die Sachen dann gekocht, um ein Uhr, musste immer fertig sein und dann haben wir das eingepackt, sind dann vorgefahren. In den Schützengräben haben wir dann das Essen verteilt oder ich habe das Essen dort verteilt.

Ralf Eisenhut hat schon oft für viele Menschen gekocht, weil er in der Gastronomie arbeitet. Natürlich bekommen die Soldaten auch so zu essen, aber er will ihnen was Gutes zubereiten.

So das mit dem Sauerkraut war ganz gut, das lieben sie. Und meine Kässpätzle, ich habe die frisch gemacht, die waren total begeistert von diesen Kässpätzle.

Es klingt so leicht, wie er mir davon erzählt. Aber er kocht in einem Kriegsgebiet. Soldaten in genau der Einheit, bei der er war, sind schon umgekommen.

Die ganzen Raketen, die in Odessa oder irgendwo in großen Städten einschlagen, die sind alle über uns drüber geflogen. Aber auch diese Shaheddrohnen, die suchen Ziele aus der Luft und solche Nachschubzentren, so wie wir es waren, die sind schon auch ein gesuchtes Ziel von den Drohnen. Und man muss da schon sehr vorsichtig sein.

Mich berührt sein Einsatz. Aber ich finde es auch krass, weil er sich in Gefahr begibt. Warum? Er erzählt mir, was in ihm vorgegangen ist, als Russland im großen Stil begonnen hat, die Ukraine anzugreifen:

Da habe ich Bilder gesehen im Fernsehen, von einem jungen Mädchen, das ein Herz an die Zugscheibe gemalt hat. Und der Reporter hat dann gesagt: So, das ist wahrscheinlich der letzte Gruß eines Mädchens an ihren Vater mit der Ungewissheit, ob es den jemals wieder sieht.

Er hat damals geweint, sagt er. Und dann Gulasch mit Semmelknödeln gekocht. Sehr viel davon:

Ich habe dann meinen Fleischlieferant angerufen, hab zu dem gesagt: Ich brauche 500 kg Gulaschfleisch. Und ich habe dann Freunde angerufen, die haben mir dann beim Schnibbeln geholfen.

Und das Essen haben sie dann an die ungarisch-ukrainische Grenze gefahren, für geflüchtete Menschen. Ralf Eisenhut lässt also die Not von anderen nicht kalt und er bleibt bis heute dran, das finde ich gut. Ich kenne niemanden, der so etwas macht wie er: Er hat vom Beruf her mit Gewürzen, Töpfen und Schöpflöffeln zu tun. Und er fährt immer wieder an die ukrainische Front im Krieg und kocht dort - für Soldaten.

Wenn die von der Front gekommen sind, weil ich habe dann auch abends da auch noch gekocht, und diese müden Gesichter, wenn ich nachher schaute, in diese müden Augen… Nachdem sie dann meine Speisen probiert haben und ich denen dann doch ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte - in dem Moment wusste ich einfach: Das war jetzt gut, dass ich das gemacht hab.

Er kocht dort Schwäbisch, aber er hat auch Ukrainisch kochen gelernt, die Suppe Borschtsch zum Beispiel:

Es gibt ja den Borschtsch und ich liebe den grünen Borsch. Den koche ich ganz gut, ja. Grüner Borschtsch ist mit Sauerampfer. Und Gemüse, kann man auch mit Fleisch, Rind- oder Hühnerfleisch machen. Ah, ist sehr, sehr lecker.

Ralf Eisenhut fährt nicht nur zum Kochen dorthin. Er macht es  zusammen mit anderen Deutschen und Ukrainern vom Verein „Lindau hilft“. Er bringt Spenden zu ukrainischen Kinderheimen und Krankenhäusern: wie Verbandsmaterial, gebrauchte Handys oder Schulsachen. Den Ehrenamtlichen ist das Leid der Menschen im Krieg nicht egal. Ralf Eisenhut berührt es, was die Menschen dort erleben. Er erzählt mir von seinem Opa im Zweiten Weltkrieg - sicherlich spielt das für ihn auch eine Rolle:

Ich habe natürlich auch sehr viele Geschichten von meinem lieben Opa erzählt bekommen, wie sehr die Menschen dort gelitten haben. Er hat mir aber auch erzählt, dass er in der Ukraine war und dass er dort von den Ukrainern auch versorgt worden ist. Er war zum Beispiel ohne Schuhe unterwegs. Und sie mussten im Schnee ohne Schuhe laufen. Und er hat dann auch Schuhe bekommen.

In der Not Hilfe bekommen und selbst helfen – für ihn hängt es zusammen. Auch, weil er Christ ist:

Im Glauben ist natürlich auch die Nächstenliebe schwer verankert, und es hängt sehr wohl an uns, wie wir die Welt gestalten.

Ja, die Welt kann viel schöner sein, so stellt er es sich vor.

Ich glaube, dass der liebe Gott schon ein bisschen verzweifelt ist. Momentan denke ich, was wir hier alles veranstalten. Es tut mir fast leid für ihn, weil diese Welt so toll ist, diese Natur, diese Tiere.  Und wir treten das mit Füßen und machen alles kaputt.

Auch deshalb setzt er sich für die Menschen im Krieg ein. Er nutzt seine Talente. Und das motiviert auch mich – was kann ich richtig gut und wie kann ich das für Menschen in Not sinnvoll einsetzen? Im August will Ralf Eisenhut wieder losfahren. Kann er denn wirklich etwas bewegen, dadurch, dass er für Soldaten etwas Gutes kocht?

Natürlich ist es ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber ganz viele Tropfen geben auch einen Liter. Und da gibt es ganz viele, die noch unterstützen: Zeigen, dass es Menschen gibt im westlichen Europa, wo solidarisch an ihrer Seite stehen. Dass sie nicht das Gefühl haben, dass sie alleine dastehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42634
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