SWR4 Abendgedanken
Im Eingangsbereich unserer Kirche werden Menschen manchmal handgreiflich. Da steht ein Regal, in dem mehrmals in der Woche duftendes Brot liegt, Gemüse und Obst. Was in Supermärkten oder in Bäckereien übrig bleibt und nicht mehr verkauft werden kann, das landet unter anderem bei uns, im Fairteiler. Hier soll es kostenlos und fair geteilt werden – das ist die Idee hinter dem Fairteiler.
Leider klappt das nicht immer. Wenn Menschen handgreiflich werden, sich gegenseitig zur Seite stoßen und alles zusammenraffen, was sie kriegen können, dann ist das in meinen Augen egoistisch. Gleichzeitig zeigt es natürlich auch die Not, die Menschen zu solchem Verhalten antreibt.
Ist sich jeder selbst der Nächste, oder wollen wir solidarisch und fair miteinander umgehen?
Ich weiß, dass es Menschen gibt, die den christlichen Grundsatz der Nächstenliebe für ein Zeichen der Schwäche halten. Wer es zu etwas bringen will, kann nicht auf andere achten, sondern muss sich um sich selbst kümmern, meinen sie.
Ich meine, da liegt ein Missverständnis vor. „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ So lautet der christliche Grundsatz. Das bedeutet, dass jede und jeder natürlich erst einmal für sich selbst sorgen soll. Aber eben nicht nur. Es geht darum, auf sich selbst und aufeinander zu achten.
Ich möchte jedenfalls nicht in einer Gesellschaft leben, in der ausschließlich egoistisch gedacht wird. Es gäbe dann bald kein Miteinander mehr, sondern nur noch ein Nebeneinander und irgendwann ein Gegeneinander. Eine schreckliche Vorstellung.
Viel zu oft zeigt sich dieses Gegeneinander in der großen Politik, ob in Kriegen oder in Handelskonflikten. Am Ende verlieren alle dabei.
Das war auch bei unserem Fairteiler so. Weil Menschen handgreiflich wurden, haben wir die Anlieferungen ausgesetzt. Die Regale blieben leer. Niemand mehr konnte sich kostenlos bedienen. Aber wohin mit all den geretteten Lebensmitteln? Unsere Reaktion war nicht die Lösung.
Jetzt suchen wir das Gespräch mit den Menschen, die an unseren Fairteiler kommen. Wir werben dafür, rücksichtsvoll miteinander umzugehen und nur so viel mitzunehmen, dass andere auch etwas bekommen. Ich glaube, Konflikte können wir nie gegeneinander lösen, sondern immer nur miteinander.
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