SWR4 Abendgedanken
Mein kleiner Sohn stürzt beim Rennen und schlägt sich das Knie auf. Mich durchzuckt ein Schreck und ich renne zu ihm hin. Schnell ist mir klar: Es ist halb so schlimm. Das heilt wieder. Aber jetzt tut ihm das Knie natürlich weh. So eine Wunde brennt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich trage meinen Sohn ins Badezimmer, wir machen die Wunde sauber und kleben ein Pflaster drauf. Um ihn zu trösten, lege ich meinen Arm um seine Schulter.
In meinem Kopf ist viel los. Aber gesagt habe ich bisher sehr wenig.
Wenn so etwas passiert, dann denke ich im ersten Moment schon manchmal: Pass doch bitte besser auf dich auf. Und manchmal rutschen mir solche Sätze sogar heraus. Aber was bringt das?
Wenn ich mir weh tue, dann will ich auch nicht, dass mir jemand Vorwürfe macht. Ich will, dass sich jemand um mich kümmert. Es heißt zwar, man soll nicht von sich auf andere schließen, aber genau das halte ich in so einem Moment für angebracht. Ich versuche, mich in meinen Sohn hineinzuversetzen und frage mich, was ich mir an seiner Stelle wünschen würde? Und genauso versuche ich mich zu verhalten.
Aber woher kommen eigentlich diese Vorwürfe, die mir im Kopf herumgeistern und manchmal herausrutschen?
Ich glaube, sie sind ein Zeichen dafür, dass ich in so einer Situation für einen kurzen Moment überfordert bin. Und diese Überforderung sucht sich ein Ventil.
Weil ich das inzwischen von mir kenne, habe ich mir angewöhnt, erst einmal wenig zu sagen. Ich bin einfach da. Ich tue das Notwendige. Ich tröste. Das hilft meinem Sohn. Und es hilft mir selbst. Ich überwinde den ersten Schreck und sage nichts, was mir hinterher leid täte.
„Liebe deine Nächsten, wie dich selbst.“ Bestimmt kennen Sie dieses Grundgebot, nachdem Jesus gelebt haben soll.
Wenn ich mich in andere hineinversetze und mir überlege, was ich mir an ihre Stelle wünschen würde, dann – denke ich – komme ich dem nahe, was Jesus gemeint haben könnte und was er mit seinem Grundgebot bewirken wollte: Ich bin meinem kleinen Sohn viel näher. Und darum geht.
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