SWR4 Abendgedanken
Ein Lehrer steigt im Klassenzimmer vor den Augen seiner Schüler auf einen Tisch. Er rebelliert damit gegen den Drill an dieser Schule und dagegen, einfach alles der Tradition, der Ehre, der Disziplin und der Leistung unterzuordnen. In den Augen dieses Lehrers gibt es weitaus wichtigere Dinge im Leben. Das Wichtigste ist vielleicht zu lernen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, sich eine eigene Meinung zu bilden, einen eigenen Standpunkt einzunehmen, zu sich selbst zu finden und zu sich stehen. Der Lehrer heißt Mr. Keating und wird dargestellt von dem wunderbaren Schauspieler Robin Williams im Film „Der Club der toten Dichter“.
Als ich diesen Film zum ersten Mal gesehen habe, war ich schwer beeindruckt. Ich war auf der Suche nach mir und nach dem, was ich aus meinem Leben machen wollte. Ich war verliebt in ein Mädchen, das ich täglich auf meinem Schulweg im Zug gesehen habe. Gleichzeitig kämpfte ich mit dem Gedanken, katholischer Priester zu werden und damit auf eine Partnerschaft zu verzichten. Damals hatte ich keine Ahnung davon, dass es andere katholische Kirchen gibt, in denen beide Lebenswege miteinander vereinbar sind. Im Film ermutigt Mr. Keating seine Schüler, alle Vorgaben und alle Erwartungen, die von anderen an sie herangetragen werden, zu vergessen und stattdessen in sich hineinzuhören. Sie sollen lernen auf das zu hören, was ihnen wirklich wichtig ist und dem sollen sie nachgehen. Das Motto von Mr. Keating ist: „Carpe diem!“ „Nutze den Tag!“ Davon beeindruckt fasste ich mir ein Herz und sprach das Mädchen an. Mehr verrate ich nicht.
Nutze den Tag! Mir ist dieser Gedanke im Lauf der Jahre zu einem wichtigen Grundsatz geworden. Ich habe ihn nicht immer bewusst auf dem Schirm. Aber ich stolpere immer wieder über ihn und dann denke ich darüber nach, was mir in dem Moment gerade wirklich wichtig ist. Manchmal ist es einfach nur das Gespräch mit dem Nachbarn am Garagenfenster, für das ich mir Zeit nehme, obwohl ich doch gerade so in Eile war. Manchmal ist es die Zeit, die ich mit meinen Kindern verbringe und für die eine Arbeit, die ich eigentlich erledigen wollte, etwas länger liegen bleibt. Solche kleinen Momente mögen unscheinbar sein, aber sie sind wertvoll und wenn es mir gelingt, so einen Moment richtig zu nutzen, dann fühlt sich das richtig gut an. Ich habe dann so ein Gefühl ganz bei mir zu sein und das macht mich zufrieden. Und wenn mir das heute nicht so richtig gelingen wollte, dann kommt morgen die nächste Chance, die ich nutzen kann.
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