SWR Kultur Lied zum Sonntag

27JUL2025
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Ich kann nicht anders. Wenn ich von Gott spreche, bleiben mir nur die Bilder, die ich kenne, die Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich nenne ihn „gütiger Vater“, wenn ich sehe, dass ein Mensch in Frieden sterben darf. Und ich frage mich, warum er es zulässt, dass Unschuldige sterben müssen. Dann kommt er mir kalt und unnahbar vor, wie ein Eisberg in der Antarktis, der sich nicht schert, was sonst auf der Welt geschieht.  Ich weiß aber immer auch: Meine Bilder und Gedanken reichen nicht aus, um Gott zu charakterisieren. Das denke ich immer gleich mit, und muss ihn trotzdem in meine Sprache und meine Welt hineinpressen. Auch der Dichter des Lieds, das ich Ihnen heute vorstelle, weiß um dieses Dilemma. Aber bei ihm fühlt es sich leicht und frei an.

 

Tief im Schoss meiner Mutter gewoben,
als ein Wunder vollbracht
und dem Licht zugedacht –
deine Liebe durchformte mein Leben.

Bevor Jürgen Henkys, der Dichter des Lieds, auf Gott zu sprechen kommt, spricht er von sich. Was aus meiner Warte völlig logisch ist, weil er weiß, dass er Gott immer zuerst in seinem eigenen Leben entdeckt. Er spricht von dem Wunder, wie menschliches Leben entsteht, dass er geboren wurde, überhaupt da ist. Und denkt dabei an Gott. Dass diese Welt, jedes Leben sein Werk ist. Wie ungeheuerlich, unglaublich, dass aus zwei Zellen, wenn sie verschmelzen, sich ein Lebewesen entwickelt. Das kann kein Zufall sein. Es muss einen geben, der es so gewollt und gemacht hat. Und das spricht er frei und selbstverständlich aus.

 

Eh ein Wort ich von dir wissen konnte,
eh der Tag mir begann
und das Dunkel verrann,
warst du Licht, das mein Leben besonnte.

Längst bevor ich ins Helle gedrungen,
war ich dir schon vertraut,
hat dein Wort mich gebaut,
und mein Name lag dir auf der Zunge.

Im Laufe des Lieds wird klar: Der Sänger ist mit Gott auf Du und Du. Sein „Ich“, mit dem er spricht, wird zu meinem „Ich“, wenn ich mitsinge. Das „Du“, mit dem er Gott anspricht, zu meinem „Du“. Gott ist keine ferne Instanz, der ich mich unterwerfen muss. Auch keiner, dessen Wege absolut im Dunkeln bleiben. Am besten stelle ich mir als Christ Gott als Person vor; als ein Gegenüber, mit dem ich sprechen kann, dem ich alles sagen kann.

Als vor ein paar Wochen mein Hund gestorben ist nach dreizehn Jahren, war es eine Zeit lang sehr dunkel in mir. Es war gut, dass ich das mit Gott teilen konnte.  Mein Glaube hat mir geholfen, dass mich die drohende Nacht nicht bezwungen hat – wie es wörtlich in der letzten Liedstrophe heißt.

Manche Nachricht macht mich sprachlos: Eine Kollegin ist monatelang krank und will niemanden sehen. Meine Anrufe gehen alle ins Leere, weil sie sich lieber verkriecht. Ständig erfahre ich von jemandem, dem Krebs diagnostiziert wurde. Wo Krieg geführt wird, sterben jeden Tag Unschuldige. Was soll ich da sagen? Vielleicht gelingt es mir, das Lied von Gott zu singen, der befreit und heilt und rettet, wo wir es nicht vermögen. So wie das Lied es sagt:

 

In den Mund, der kaum wusste zu sprechen,
ist der Ton schon gesenkt,
ist das Lied mir geschenkt,
das auf immer das Schweigen kann brechen.

Tief im Schoss meiner Mutter gewoben
Jürgen Henkys 1997

nach dem niederländischen „In de schoot van mjin moeder geweven“

von Sytze de Vries 1995

 

Tief im Schoß meiner Mutter gewoben. Lied für gemischten Chor a cappella

 

Vogel, Willem; Göttsche, Gunther Martin; ...

CoroPiccolo Karlsruhe; Raiser, Christian

 

 

KreuzKlang

Tief im Schoß meiner Mutter gewoben

Jutta Bitsch, Orgel

Heilig Kreuz Münster, Schwäbisch Gmünd, 3.2.2021

https://www.youtube.com/watch?v=x8asvz-L6qs&list=RDx8asvz-L6qs&start_radio=1

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42628
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