SWR Kultur Wort zum Tag
Für Handwerksgesellen ist es ein alter Brauch: Nach bestandener Gesellenprüfung gehen sie auf die Walz. Sie ziehen von Ort zu Ort, um in verschiedenen Betrieben eine Zeitlang mitzuarbeiten. Früher war das oft die einzige Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern. Und auch heute gibt es noch junge Gesellen und auch Gesellinnen, die sich auf den Weg machen. Nicht nur um in ihrem Beruf weiterzukommen, sondern auch um als Mensch zu reifen.
Der Aufbruch beginnt mit einem eindrucksvollen Ritual: Man muss über das Ortsschild seiner Heimatstadt klettern und darf, solange man auf der Walz ist, nicht dorthin zurückkehren. So ein Ortsschild ist ganz schön hoch, ohne Unterstützung geht es nicht. Deswegen sind immer andere Handwerksgesellen dabei, die mit ihren Wanderstöcken eine Art Leiter bilden. Und wenn die Neuen dann übers Schild geklettert sind, dann können sie sich fallen lassen, weil die anderen unten stehen und sie auffangen.
In diesem Ritual steckt echte Lebensweisheit: Wer wirklich lernen will, muss die vertraute Zone verlassen. Muss sich strecken, etwas riskieren, sich exponieren. Über sich hinauswachsen – im wörtlichen Sinn. Und dabei zugleich: lernen zu vertrauen. Denn auch das sich Fallenlassen gehört dazu. Die Erfahrung, dass andere da sind, die halten, die mittragen. Und das verändert etwas. Im besten Sinn.
Solche Übergänge in einen neuen Lebensabschnitt gibt es auch sonst: Wenn junge Menschen für eine Ausbildung die Heimat verlassen. Für ein Studium in eine andere Stadt ziehen. Ein Auslandssemester wagen. Oder – viel später – noch einmal ganz neu anfangen – sei es beruflich oder privat. Diese Wege fordern Selbstvertrauen und lassen uns gleichzeitig die Bedeutung von Unterstützung neu begreifen.
Ich sehe in dem Ritual der Walz auch ein spirituelles Bild. Glaube ist nicht die Garantie, dass alles beim Alten bleibt, sondern eine Zukunftshoffnung. Er fordert immer wieder heraus: Brich auf. Lass das Vertraute hinter dir. Zieh ins Leben – es wartet auf dich. Das ist kein bequemes Versprechen. Es braucht Mut und Tatkraft. Aber man geht nicht allein. Es gibt Menschen, die mitgehen, die mittragen – und einen auffangen, wenn man fällt.
Diese Bereitschaft zum Aufbruch wünsche ich mir auch für meine Kirche. Die manchmal so unbeweglich erscheint: Zögerlich, müde und einfach gerne so bleiben möchte, wie sie immer war. Dabei wurden die ersten Christen „Anhänger des Weges“ genannt. Auf die Walz zu gehen, ist daher nicht nur für Handwerksgesellen eine gute Idee.
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