SWR Kultur Wort zum Tag
Es ist ein Genuss, jetzt über die Sommerwiesen zu gehen. Alles blüht und duftet – Wer bekommt da nicht Lust, einen Blumenstrauß zu pflücken? Vielleicht mit einer Königskerze, Johanniskraut und Ringelblumen, Schafgarbe, Lavendel und Frauenmantel – aus diesen 7 Kräutern wird traditionell ein Buschen für das heutige Fest Mariä Himmelfahrt, gebunden.
Vor allem auf dem Land werden diese Buschen im Gottesdienst geweiht – und danach bindet man sie übern Türstock, macht Tees daraus, oder legt sie unters Kopfkissen.
Die Tradition der Kräuterbuschen ist alt, älter als das Christentum. Bereits die Kelten ehrten in diesen Tagen die Fülle der Natur. Ihre Spiritualität war tief verwurzelt in den Rhythmen der Jahreszeiten.
Dass die Kirche dieses Brauchtum aufgriff und mit Maria verband, überrascht kaum, denn Maria steht stellvertretend für die Schöpfung und alle Geschöpfe.
Eine Legende erzählt: Als Maria gestorben war, wurde sie begraben. Doch als die Jünger später ihr Grab öffneten, war ihr Leichnam verschwunden. Stattdessen fanden sie darin Lilien und andere Blumen und der Erde soll an dieser Stelle ein wunderbarer Kräuterduft entstiegen sein.
Maria ist nicht im Tod geblieben. Ohne Verwesung wurde sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen. Das feiert die katholische Kirche heute – an Mariä Himmelfahrt.
Mit diesem Glaubenssatz tun sich viele schwer. Aus Maria, einer einfachen Frau, wurde die Himmelskönigin. Ganz entrückt. Weit weg von unserer irdisch-menschlichen Existenz.
Maria ist gestorben. Und sie hat auch ihren Sohn nicht vor dem Tod bewahren können. Doch sie hat erfahren, dass es etwas gibt, das stärker ist als der Tod. Dass es ein göttliches Werden in allem gibt.
Der Apostel Paulus hat das in einem kühnen Bild ausgedrückt: Die ganze Schöpfung geht schwanger mit dem Göttlichen, das geboren werden will. Sie liegt geradezu in Wehen.
Wer sich wie Maria diesem schöpferischen Prozess öffnet, wirkt an der großen Geburt mit. Wer die Hoffnung auf Frieden nicht aufgibt, wer Ungerechtigkeiten überwinden will. Wer spürt, Leben kann man nicht für sich behalten, sondern nur weitergeben.
Mir hilft das Fest Mariä Himmelfahrt dabei diesem Prozess zu vertrauen, dem Werden zu vertrauen. Auch wenn ich mich manchmal mutlos frage, wohin sich unsere Welt entwickelt. Und wenn die Blumen in meinem Buschen trocken geworden sind, erinnert mich ihr Duft und ihre Heilkraft daran, dass mit Gottes schöpferischer Kraft immer noch zu rechnen ist.
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