SWR Kultur Wort zum Tag
Das kleine Mädchen mir gegenüber in der U-Bahn kuschelt sich eng an seine Mutter. Doch dann lugt es vorsichtig und doch auch neugierig zu mir herüber. Vielleicht ist es zwei Jahre alt. Jedenfalls alt genug, um mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich lächele, beginne mit den Fingern kleine Gesten zu machen. Und tatsächlich: Das Mädchen winkt zurück. Es rückt sogar ein bisschen zu mir hin, weg vom sicheren Schutz der Mutter. Ich staune, wie ausdrucksstark sein Gesicht ist – zwischen Scheu und keckem Interesse. Und ich frag mich, was wohl im Kopf des Mädchens vor sich geht.
Die Hirnforschung weiß heute: Unmittelbare Blickkontakte sind für kleine Kinder enorm wichtig. Sie ahmen intuitiv die Mimik ihres Gegenübers nach. Und das wirkt tief, denn über die Mimik werden Gefühle in ihnen wachgerufen. Wenn ein Kind etwa das Lächeln seines Gegenübers nachahmt, empfindet es dadurch Freude. Durch Blickkontakte lernen Kleinkinder also ihre eigenen Gefühle kennen. Das ist ein hochkomplexes Geschehen, denn all die feinen Verbindungen im Gehirn müssen sich erst noch bilden.
So lernen Kinder auch im Gesicht ihres Gegenübers zu lesen, was der Blick des anderen verrät: Ob sie ihm vertrauen können oder nicht. Wie ist der Blick: liebevoll oder streng?
Psychologen sagen, dass Kinder den Glanz in den Augen ihrer Eltern brauchen, wenn sie angeschaut werden. Dieses Leuchten, das ihnen sagt: Wir freuen uns, dass du da bist.
Das bleibt ein Leben lang wichtig: Wie schauen andere auf mich? Werde ich überhaupt wahrgenommen? Habe ich ein Ansehen in ihren Augen?
Viele tun sich schwer einen Blick länger auszuhalten. Weil da die Erfahrung lauert oder zumindest die Angst: Der andere findet mich nicht gut, er schaut auf mich herab oder er lehnt mich sogar ab.
Und dann gibt es auch diese Augenblicke, die unter die Haut gehen. Wenn ein Neugeborenes zum ersten Mal die Augen aufschlägt und einen anschaut wie aus einer anderen Welt. Da entsteht Bindung. Oder wenn ich jemandem gegenüber ehrlich bin und meine Gefühle offenbare. Dann suche ich in seinem oder ihrem Blick nach einer Resonanz: Wie steht es jetzt mit uns?
Mich berührt daher eine alte Segensformel aus der Bibel: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“ (Numeri 6,25).
Gott sieht mich an. Voll Liebe, voll Gnade. Und ich muss nicht ängstlich und beschämt zu Boden schauen, sondern darf mit ihm Kontakt aufnehmen und darin entdecken: Ich bin wertvoll in seinen Augen.
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