SWR4 Sonntagsgedanken

27JUL2025
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Es gibt so viele kleine Wunder im Alltag. Viele davon sind schnell wieder vergessen. Dabei würde es wirklich helfen, wenn wir sie uns merken und aufschreiben. Für Tage, wenn wir mutlos sind. Vielleicht auch, um andere zu ermutigen oder ihnen ebenfalls Hoffnung zu schenken, wenn es mal nicht so läuft.

So ein Alltagswunder habe ich aufgeschrieben, nachdem ich meine Mutter besucht habe. Meine Mutter ist schon sehr alt und braucht etwas Unterstützung. Sie kann kaum mehr laufen und auch nicht mehr raus aus ihren vier Wänden. Sie fühlt sich deshalb oft einsam, auch ein bisschen vergessen. Ihre frühere Welt verschwindet so langsam und manchmal ist sie ganz auf die Hilfe anderer zurückgeworfen, was ihr überhaupt nicht gefällt. Sie kämpft auch mit wunden Stellen vom vielen Sitzen und Liegen.

Beim Besuch sagte sie diesmal. „Eigentlich hatte ich einen ganz schlechten Tag. Die Frau von der Diakonie war heute viel früher da als sonst. Es musste diesmal auch schnell gehen. Aber gegen Mittag hat sich ein Pflaster gelöst und die wunde Stelle hat geschmerzt. Ich habe es einfach nicht hinbekommen.

Mir war zum Heulen“, sagte sie, und: „Da habe ich gebetet. „O Jesus, hilf mir – irgendwie.“ Nur wenige Minuten später läutete es. Wer kann das sein, so kurz vor Mittag? Es war eine andere Frau von der Diakonie, die offensichtlich nicht wusste, dass der heutige Besuch schon am Morgen war. Eventuell eine falsche Planung?

Nein, eine Gebetserhörung, sagte meine Mutter. Hilfe zum richtigen Zeitpunkt – der Tag war gerettet.

Ja, es sind oft so kleine Dinge, die dem Tag eine gute Wendung geben, nicht nur bei meiner Mutter. Ihr hat es aber den Glauben gestärkt und einmal mehr Mut gemacht. „Da passt noch ein anderer auf mich auf. Jesus sieht mich.“ hat sie gesagt.

Und ich habe ihr gerne zugestimmt. Ja, Jesus sieht mich. Er sieht meine Mutter, die sich oft einsam fühlt, er sieht mich, der auch immer wieder Hilfe bei den kleineren und größeren Herausforderungen braucht, gerade auch mit den Eltern. Und Jesus sieht auch Sie und das, womit Sie sich herumplagen müssen. Jesus sieht es. Und er will auch Ihnen helfen und Sie ermutigen. Er ist uns allen so nahe, nur ein Gebet entfernt.

Jesus hat gesagt (Matthäus 11,28): Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Jesus ruft nicht in erster Linie die besonders Starken und Erfolgreichen zu sich, die ihren Alltag scheinbar locker meistern. Er spricht die an, denen nicht alles so leicht von der Hand geht, die jeden Tag neu auch mit Hindernissen und Schwierigkeiten, vielleicht sogar mit Schmerzen, schweren Gedanken oder Einsamkeit zu kämpfen haben. Wie meine Mutter.

Im Alter wird man automatisch einsamer. Viele der alten Freunde sind nicht mehr da, andere können nicht mehr so einfach einen Besuch machen oder telefonieren. Auch der bisherige Alltag, in dem man sich so gut ausgekannt hat, verschwindet mehr und mehr. Weil sich das Umfeld rasant ändert. Die Nachbarn, die Läden, die technischen Geräte und vieles mehr.

Ein Freund von mir hat es so ausgedrückt: „Du blickst einfach plötzlich nicht mehr ganz durch. Du findest keine Erklärung. Du verstehst auch deine eigenen Gefühle nicht mehr. Die bisherigen Lösungen gehen nicht mehr. Du fühlst dich ohnmächtig und klein, weißt nicht mehr, was du tun sollst.“

Dieser Freund sagt: Genau das ist gut so: Denn jetzt öffne sich der Raum für Neues und plötzlich werden wieder Überraschungen möglich.

Vielleicht auch ein neuer Blick auf das, was Gott bewirkt. In meiner kleinen Welt und mitten in meinen Alltag hinein. Du siehst plötzlich vieles anders. Du spürst, dass es jetzt etwas anderes braucht. Eventuell sogar einen tiefgreifenden Wandel im eigenen Leben. Und es entsteht etwas Neues.

Oder anders ausgedrückt: Erst wenn ich nicht mehr wie gewohnt das Meiste selbst lösen kann, mich sogar manchmal hilflos und ausgeliefert erlebe, sehe ich die kleinen Wunder, die jeden Tag geschehen.

Ich weiß, dass das nicht jeder gut findet und zustimmen kann. Dass es vielleicht sogar zynisch klingt. Aber ich erlebe, dass solche Erlebnisse von Ohnmacht viele Menschen tatsächlich öffnen, ihnen eine neue Orientierung und ganz andere Glaubenserfahrungen ermöglichen.

Jesus sagt dazu: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Ich muss nicht mehr der Starke sein, kann nach einer anderen Hand greifen. Ich darf loslassen, mir helfen lassen. Ich freue mich darüber, dass Gott mir einen anderen Blick auf das Leben ermöglicht. Mich führt, mir hilft.

Und Ihnen wünsche ich viele kleine Wunder, die Gottes Nähe deutlich und Mut machen, und heute einen gesegneten Sonntag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42607
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