Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Im Reich Gottes geht es nicht ums Essen und Trinken. Es geht um Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist.“ Das hat der Apostel Paulus in einem seiner Briefe im Neuen Testament geschrieben. Wohl wahr, werden viele sagen: Im Glauben, in der Religion geht es um so abstrakte Sachen, um bestimmte Ansichten, Werte und Haltungen. Große Ideen halt. Jesus, würde ich sagen, war da ganz anders unterwegs. In den Evangelien ist überliefert, dass er den Beinamen „Fresser und Weinsäufer“ hatte. Nicht gerade schmeichelhaft, aber doch ein eindeutiger Hinweis darauf, dass er einem guten Essen und einem edlen Tropfen anscheinend nicht abgeneigt war. Und eine der bekanntesten von ihm überlieferten Geschichten erzählt sogar davon, dass er eine große Menge Menschen, die extra gekommen waren, um ihn predigen zu hören, erst mal mit Brot und Fisch versorgt hat. Das muss man sich mal vorstellen: Da gehst du sonntagmorgens zum Gottesdienst und der Pfarrer sagt, nun lass uns erst mal zusammen frühstücken! Ich war neulich bei der 750-Jahrfeier im Nachbarort. Das Fest hat mit einem ökumenischen Gottesdienst angefangen. Mit Frieden und Freude im Heiligen Geist. Aber anschließend hat es dort „eine große Tafeley“ gegeben. Die Straße vor der Kirche war gesperrt, und die Anwohner hatten dort in einer langen Reihe achtzig Biergarnituren aufgebaut. Darauf Tischdecken und Kissen in allen Farben. Blumensträuße aus den Gärten ringsum. Geschirr und ihr Besteck, Gläser und Tassen, Essen und Trinken wurden mitgebracht. Für den eigenen Bedarf plus eins. Damit auch die Gäste versorgt waren. Das Ganze hat wunderbar funktioniert. Ich kann es gar nicht aufzählen, wie viele verschiedene Maultaschen ich an diesem Tag probiert habe. Und Frieden und Freude und Gerechtigkeit, lieber Paulus, die saßen einfach mit am Tisch. Denn wo und wie sollen diese großartigen Vorstellungen denn anfangen? Mit langen Erklärungen und Appellen? Oder vielleicht doch mit Essen und Trinken? Mit einem Gespräch? Mit Geben und Nehmen und Teilen? Jesus hat sogar das Himmelreich einmal mit einem riesigen Straßenfest verglichen. Und eins stimmt auf jeden Fall: Wo Menschen zusammen tafeln, schlagen sie sich schon mal nicht die Köpfe ein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42606
weiterlesen...