Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01AUG2025
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Es ging vor kurzem durch alle Medien, dass der schwäbische Unternehmer Wolfgang Grupp einen Suizidversuch unternommen hat. Und anstatt ihn geheim zu halten, hat er öffentlich gemacht, dass er unter Altersdepressionen leidet.

Ein mutiger Mann! Viele haben sich gewundert, dass ausgerechnet so ein „Schaffer vor dem Herrn“ plötzlich von dem Gedanken geplagt wird, er sei nichts wert und zu nichts mehr nütze, obwohl er doch ein erstaunliches Lebenswerk aufgebaut hat und bis vor kurzem noch der Chef im Ring gewesen ist.

Aber eine Depression kann jeden treffen. Sie ist nicht an bestimmte Wesenszüge oder Charaktereigenschaften und an kein bestimmtes Alter geknüpft. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich bin mit Mitte vierzig an einer schweren Depression erkrankt, in einer Lebensphase also, die oft als Midlife-Krise bezeichnet wird. Da war ich ständig müde und erschöpft, habe auch tagsüber oft im Bett gelegen, konnte mich schließlich zu gar nichts mehr aufraffen oder motivieren. Und das Schlimmste: Ich war wie abgeschnitten von allen meinen Gefühlen, habe nichts mehr empfunden, keine Freude, keinen Schmerz, keine Wut, keine Trauer. Alles war mir vollkommen gleichgültig. Und irgendwann fing auch in meinem Kopf der Gedanke an zu kreisen, am besten wäre es, gar nicht mehr da zu sein.

Mein Glaube war weg, mein Gottvertrauen, meine Zuversicht. Überall nur noch Leere. Wirklich kein schöner Zustand, wenn alles verschwindet, was einen sonst am Leben gehalten und Kraft gegeben hat. Was mir damals geholfen hat? Medikamente. Antidepressiva. Ich nehme sie heute noch. Erstaunlich, dass sie geholfen haben, die Suizidgedanken in meinem Kopf abzustellen. Ich war auch in einer Klinik. Dort konnte ich verschiedene Therapieformen ausprobieren und habe dabei viel über mich gelernt. Auch der Austausch mit anderen Patienten hat mir gutgetan. Dazu hatte ich am Anfang überhaupt keine Lust. Ich habe gedacht, die ziehen mich doch nur zusätzlich runter. Aber das Gegenteil ist passiert: In der Gruppe habe ich gelernt, dass Depression eine Krankheit ist, die behandelt werden kann. Dass die anderen Erkrankten auch ganz normale Menschen sind. Deshalb rede ich darüber. Und deshalb ist es gut, dass Wolfgang Grupp darüber spricht. Wir sind viele. Und ganz wichtig: Wir sind nicht unsere Depression. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42602
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