Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28JUL2025
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Herr Stegmaier hieß der Nachbar meiner Tante und meines Onkels. Er war bereits ein älterer Herr, als die beiden ihr Einfamilienhaus neben seinem Grundstück auf der Höhe gebaut haben. Ich bin ihm persönlich nie begegnet, habe ihn aber trotzdem nicht vergessen. Und das kam so: Bei Familienfesten wurde bei uns immer gerne gesungen. Kaum eine Geburtstagsfeier, kaum ein Jubiläum, ohne dass nicht früher oder später ein Onkel sich ans Klavier setzte, mein Vater zur Gitarre griff und die gastgebende Familie alle verfügbaren Liederbücher zusammengesucht hat. Dann ging es los: Volkslieder, Schlager, Fahrtenlieder, Choräle, aus dem Kirchengesangbuch und aus der Mundorgel. Das Ganze übrigens generationenübergreifend, denn auch die Jugendlichen konnten sich diesem Ritual nicht entziehen und haben mitgefangen, mitgehangen, mitgesungen, oft augenrollend, wenn die Texte allzu sehr aus der Zeit gefallen waren.

Je nach Lust und Laune konnte so eine Singstunde ziemlich lange dauern. Aber den Abschluss hat immer dasselbe Lied gebildet: „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius, in dem die abendliche Welt so unübertroffen beschrieben wird, der Mensch als einer erscheint, der trotz all seiner Künste gar nicht viel weiß und manchem Luftgespinst nachhängt, und in dem die schmale Mondsichel zur stillen Mahnung wird, auch anderen Dingen im Leben mit Nachsicht zu begegnen, weil sie doch rund und schön sein könnten, auch wenn sie nur halb zu sehen sind. Der eigentliche Grund für dieses Schlusslied fand sich aber erst in seiner letzten, der siebten Strophe: „So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder, kalt ist der Abendhauch. Verschon uns Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch.“

Und an dieser Stelle kam nun der Herr Stegmaier ins Spiel, der Nachbar, der krank war und ein paar gute Gedanken zur Nacht von nebenan schon mal gebrauchen konnte. Auch als er schon längst, wie es das Lied so schön sagt, „durch einen sanften Tod aus dieser Welt“ gegangen war, hieß es immer noch: „Und jetzt singen wir noch für den Herrn Stegmaier.“ Als Mahnung, als Aufforderung, als Bitte, das eigene Herz weit zu machen und auch die nicht zu vergessen, die Gott uns zufällig zur Seite gestellt hat, damit sie für einen Augenblick in unseren Gebeten zuhause sind.

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