SWR Kultur Wort zum Tag
Bei meiner täglichen Runde mit dem Hund komme ich immer wieder an einer Laterne mit vielen Aufklebern vorbei. An einem bleibt mein Blick immer wieder hängen: „Der Trick ist zu atmen!“ Eine Praxis für integrierte Körperarbeit benutzt diesen Spruch als Werbung.
Der Trick ist zu atmen. Ja! Mache ich ja auch, und meistens, ohne darüber nachzudenken. Aber es gibt ja auch die besonderen Situationen, in denen ich ganz bewusst atme: Erst mal Durchatmen vor einer schwierigen Situation. Aufatmen, wenn etwas gerade nochmal gut gegangen ist. Ausatmen nach einer Anstrengung, und dann entspannen.
Was mich an diesem bewussten Atmen fasziniert, ist die kleine Pause, das kleine Nichts, das entsteht, wenn wir ein- und dann wieder ausgeatmet haben. Denn nach dem Ausatmen holen wir nicht gleich wieder Luft, sondern einen Moment lang passiert nichts. Da steht sozusagen alles still. Und so entsteht Raum für Gott.
Gott Raum lassen. Nicht alles selber regeln. Das geht am besten, wenn ich bewusst dem folge, was mein Atmen unbewusst schon immer tut: Ich hole Luft. Ich atme aus. Ich bin still. Passiv. Erfahren, dass ich getragen bin, auch ganz ohne eigenes Tun. In dieser kleinen Atemlücke spüre ich dann Gottes Pulsschlag in mir. Auf diese Weise bin ich mit Gott verbunden. Mir gefällt besonders der Gedanke, dass Gott so in allen Menschen lebendig ist.
Gott wirkt in und mit uns, hat in uns Raum. Deswegen finde ich es gut, wenn ganz real Räume entstehen, Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen darüber reden, wie sie Gott erfahren und ihren Glauben leben.
In Berlin entsteht zum Beispiel gerade das ‚House of one‘, ein Ort, an dem Menschen der abrahamitischen Religionen sich treffen, diskutieren und voneinander lernen. Den Stammesvater Abraham gibt es eben nicht nur in der Tora und in der Bibel, sondern auch im Koran. Für alle drei Religionen verbindet sich mit diesem Namen die Entdeckung: es gibt nur einen Gott. Was das bedeutet für die Gläubigen der unterschiedlichen Religionen, darüber gibt es intensive Gespräche. Trotz unterschiedlicher Positionen wird deutlich, was alle miteinander verbindet.
Wenn es doch mehr solcher Häuser gäbe, in denen wir miteinander den Pulsschlag Gottes spüren und leben! Ich wünsche mir ja, dass unsere Kirchen solche Räume werden. Räume, in denen wir erst einmal still werden und auf diesen kleinen Moment zwischen Ausatmen und wieder Einatmen achten. Wo wir spüren, dass Gottes Puls in jedem Menschen schlägt.
Denn Gott trägt uns und schenkt uns Atem, damit wir dann füreinander und miteinander handeln.
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