SWR Kultur Wort zum Tag
Ich habe ja schon viele Darstellungen des Gekreuzigten gesehen. Aber in dieser Kirche in Sachsen bin ich richtig erschrocken: Im ersten Moment habe ich wirklich gedacht, da hängt einer in echt am Kreuz! Das lag wohl an den Haaren: Der gekreuzigte Jesus hatte eine Echthaarperücke mit Dornenkrone auf dem Kopf. Dadurch wirkt die ganze Figur sofort völlig realistisch. Sonst interessiert mich Kirchenkunst eher als Ausdruck einer Epoche, aber beim Anblick dieses Gekreuzigten mit Haaren hat mich sofort ein Schauer gepackt. Den Schmerz, das Leid, die Ohnmacht - alles habe ich unmittelbar gespürt. Genau das war vermutlich auch die Absicht des Holzbildhauers, als er diese Figur vor über 500 Jahren geschaffen hat:
Die Menschen, die diesen Jesus am Kreuz betrachten, sollten sich Jesus und seinem Sterben unmittelbar nahe fühlen. Bei mir hat es funktioniert.
"Gruselig", haben meine Kinder gesagt, als ich ihnen ein Foto davon gezeigt habe. Aber das eigentlich Gruselige ist ja, dass dieser Schmerz, dieses Leid, diese Ohnmacht nach wie vor für unendlich viele Menschen Realität ist. Dass an so vielen Orten auf der Welt Menschen gequält, gefoltert, umgebracht werden. Der gefolterte, gekreuzigte und getötete Jesus führt mir diese Realität vor Augen. Überall auf der Welt werden Menschen verschleppt und getötet, ohne Zeugen, ohne Grab.
Solche Jesusfiguren mit echten Haaren gibt es eigentlich eher in südlichen Ländern. Aber über Nürnberg hat sich der Brauch wohl im 15. Jahrhundert auch in Deutschland verbreitet. Inzwischen ist mir in mehreren Kirchen in Sachsen und Brandenburg ein solcher Echthaar-Jesus begegnet. Ich erschrecke jetzt nicht mehr. Ich bleibe stattdessen stehen und denke an die Menschen, die ganz real, genau jetzt Qualen leiden. Dabei stelle ich mir dann vor, dass Jesus diese Qualen teilt, dass er mitleidet und mitstirbt. Freiwillig. Aus Solidarität und aus Liebe. Wenn ich auf diese Weise vor einem Kreuz stehe, spüre ich auch den Impuls, selbst solidarisch zu sein. Vielleicht ist ein erster Schritt dazu, die Nachrichten über Gewalttaten anzuhören und auszuhalten, anstatt sie auszuschalten. Vor allem aber kann ich in meiner direkten Umgebung reagieren, wenn Leute übergriffig werden, andere verletzen und beschämen. Vielleicht kann ich ja so manches kleinere Leid verhindern.
Der Echthaar-Jesus am Kreuz erinnert mich jedenfalls daran: Wo Leid geschieht, leidet Gott mit. Und wo Leid verhindert wird, können Menschen neue Gemeinschaft wagen. Ich glaube, unsere Gesellschaft braucht genau das: Solidarität mit den Gequälten in dieser Welt. Und mutige Gemeinschaften, die Gewalt benennen und stoppen.
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