Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Meine Töchter haben es jetzt auch getan. Sie sind gepilgert. Rund 250 Kilometer zu Fuß. Durch Portugal bis in den Nordwesten Spaniens, nach Santiago de Compostela. Pilgern auf dem Jakobsweg. Zigtausende machen das jedes Jahr. Früher mal ein Tipp für Kenner. Heute eine Massenbewegung. Gemeinsames Ziel der Pilger aus aller Herren Länder: die Kathedrale von Santiago. Da soll der Apostel Jakobus begraben liegen. Schon seit dem 9. Jahrhundert pilgern Menschen dort hin, zu seinem Grab. Heute ist sein Gedenktag.
Jakobus war einer der zwölf Apostel, die Jesus begleitet haben. Er war dabei, als Jesus im Garten von Gethsemane gebetet hat, in der Nacht vor seinem Tod. Und er war der erste von den Zwölf, der später als Märtyrer gestorben ist. Wie seine Gebeine dann nach Spanien gelangt sein sollen, dazu gibt es einige Legenden. Bloß, warum pilgern moderne Menschen auch heute noch zu Zigtausenden an sein Grab?
Ich weiß, dass meine Töchter mit frommer Heiligenverehrung nicht viel anfangen können. Der Apostel dürfte es also kaum gewesen sein, der sie motiviert hat. Doch beim Pilgern geht es nicht vor allem darum, an einen konkreten Ort zu kommen. Das könnte ich viel einfacher haben. Das Ziel ist also nicht so sehr der Heilige Jakobus. Das eigentliche Ziel ist der Weg selbst. Eine meiner Töchter hat das für sich sinngemäß so gesagt: Sie wolle sich in den zehn Tagen auf dem Weg auch über einiges klarer werden. Studienende. Berufseinstieg. Wie soll‘s weitergehen im Leben. Viele Fragen, die ihr gerade wichtig sind. Und mit denen ist sie losgezogen, so, wie Millionen vor ihr, die sich schon seit über 1000 Jahren aufmachen. Menschen, von denen jede und jeder im Herzen irgendwas mitnimmt auf diesen Weg. Und am Ende oft beschenkt nach Hause zurückkommt.
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