Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Kann das sein, dass ein Mensch nicht „zu Ende geboren“ ist? Klingt schon ziemlich seltsam. Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit hat das mal so gesagt. Denn diesen Menschen fehle etwas Wichtiges, meinte er, das sie zum ganzen Menschen macht.
Gemeint ist, dass es Menschen gibt, die emotional verkümmert sind. Weil sie nie gelernt haben, mit ihren eigenen Gefühlen und denen anderer Menschen umzugehen. Oft sind das sogar Leute, die kraftvoll, intelligent und auch mächtig daherkommen. Die sogar wichtige Ämter bekleiden können. Die in ihrem Innern aber unsicher und verletzbar geblieben sind. Sich deshalb einen Panzer aus Rücksichtslosigkeit und Stärke zugelegt haben. Biologisch also längst geboren. Menschlich, aber nicht „zu Ende geboren“.
Aber was macht einen Menschen zum Menschen? Zum ganzen Menschen? Einen Hinweis finde ich in der Bibel: Auch wenn ich alles besäße und könnte, heißt es da, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Man weiß heute: Wer davon zu wenig bekommen hat, wer als Kind nicht genug Liebe erfahren hat, dem fehlt etwas Entscheidendes fürs Leben. So ein Mensch hat es später oft viel schwerer. Liebe lässt sich aber nicht verordnen. Sie wird geschenkt. Von Eltern, Großeltern, Erzieherinnen und vielen anderen. Von Menschen, die einfach möchten, dass aus einem kleinen, schwachen Kind mal ein starker, selbstbewusster Mensch wird. Ein Mensch, der keinen Panzer mehr braucht, weil er menschlich stark ist. Ein Mensch, der die Liebe, die er selbst geschenkt bekommen hat, sogar weiterschenken kann an andere. Die Bibel sagt es so: Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42588