SWR4 Sonntagsgedanken

20JUL2025
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Was macht einen Gastgeber zum perfekten Gastgeber? Die SWR-Reihe Lecker aufs Land spürt dem ein klein wenig nach. Sechs Frauen, laden sich darin jeweils gegenseitig nach Hause ein. Kredenzen den anderen ein mehrgängiges Menü, das sie sich ausgedacht, selbst zubereitet und schön angerichtet haben. Jede möchte für die fünf anderen eine möglichst gute Gastgeberin sein. Möchte, dass die anderen sich bei ihr wohlfühlen. Schwer vorstellbar also, dass eine von ihnen sich nur hinsetzt und plaudert, während Ehemann oder Schwester in der Küche rotieren. Genauso schwer vorstellbar aber auch, dass sie den ganzen Abend nur in der Küche stehen und die Gäste sich selbst überlassen. Es braucht die Balance aus beidem. Ein guter Gastgeber oder eine gute Gastgeberin zu sein, das kann schon anstrengend sein, aber auch wunderschön.

Was eine gute Gastgeberin ausmacht, darum geht es vordergründig auch in einer biblischen Geschichte, die heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Da ist Jesus zu Gast bei zwei Schwestern. Maria und Marta. Die drei kennen sich und natürlich wollen die beiden Frauen ihm gute Gastgeberinnen sein. Während Marta sich in der Küche abrackert und alles unternimmt, um ihren Gast perfekt zu bewirten, setzt sich Maria zu ihm und hört seinen Geschichten zu. Irgendwann wird es Marta zu bunt. Sie beklagt sich bei Jesus über ihre Schwester, die sie die ganze Arbeit allein machen lässt. Er möge ihr doch bitte mal klarmachen, dass sie in der Küche mithelfen soll. Seine Antwort wirkt wie ein Schlag ins Gesicht: „Du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eins ist nötig. Deine Schwester Maria hat den guten Teil gewählt.“ In meiner Phantasie habe ich mir oft vorgestellt, wie die fleißige Marta nun verletzt und wütend alles hinschmeißt und geht. Bloß, davon erzählt die Bibel nichts. Die Antwort Jesu steht wie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Sie irritiert bis heute.

Was hat man Jahrhunderte lang nicht alles aus dieser Geschichte herausgelesen. Dass das Geistliche für einen Christen oder eine Christin das Entscheidende sei. Viel wertvoller jedenfalls als tatkräftiges Anpacken. Dass Bibelstudium und Gebet eben wichtiger seien als körperliche Arbeit und Plackerei.

Sogar in manchen Klöstern hat man früher Unterschiede gemacht. Zwischen Mönchen, die Geistliche waren und damit vermeintlich etwas Besseres. Und jenen Brüdern, die mit ihrer täglichen Arbeit in Küche, Garten oder Werkstatt das Kloster am Laufen hielten. Aber, steckt es nicht drin in diesen Sätzen, die Jesus der fleißigen Marta da entgegenhält?

Maria und Marta. Zwei Frauen in der Bibel. Zwei, die sich mühen gute Gastgeberinnen zu sein. Für Jesus, der bei ihnen zu Gast ist. Jede auf ihre Weise. Aber sind es auch zwei Lebensentwürfe zwischen einem vergeistigten Leben und einem, das von harter körperlicher Arbeit geprägt ist? 

Manche Episode kann ich oft im Nachhinein besser verstehen, wenn ich die ganze Geschichte kenne. Zum Beispiel bei der Bekannten, die ich in der Stadt treffe und mich wundere, warum sie mir so schroff und schlecht gelaunt vorkommt. Erst später erfahre ich von ihren familiären Problemen, die sie gerade belasten. Oder bei dem Kollegen, der seit kurzem ernster und verschlossener ist als sonst. Anders jedenfalls, als ich ihn kenne. Erst als ich erfahre, dass sein Vater gestorben ist, ahne ich, was mit ihm los ist. Und so ist es auch mit manchen Geschichten in der Bibel. Ich verstehe sie manchmal besser vom Ende her. Wenn ich weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist. Etwa wenn ich mir klar mache, dass Jesus ja schon mit Anfang Dreißig gewaltsam ums Leben gekommen ist. Dass die Zeit also sehr begrenzt war, die er mit seinen Begleitern hier auf Erden verbringen konnte. Zeit, in der er das weitergeben konnte, was ihm so wichtig war. In Begegnungen, im Austausch, in der Nähe zu Menschen. Betrachte ich die Geschichte aus dieser Perspektive, dann hat Maria, die ihm aufmerksam zuhört, die begrenzte Zeit mit ihm tatsächlich besser genutzt. Der Verfasser des Evangeliums wusste das. Und womöglich war es etwas, das er uns mit der Geschichte sagen wollte.

Einer meiner Professoren an der Universität hat oft vom „Horizont befristeter Zeit“ gesprochen, vor dem wir alle leben. Ob wir nun an Gott glauben oder nicht. Das gilt für die Erde als Ganze, aber besonders für jedes einzelne Leben. Wenn mir klar wird, dass meine Zeit begrenzt ist, dann macht sie das wertvoll. Dann muss ich überlegen, wie und mit wem ich Zeit verbringe.

Die alten griechischen Philosophen kannten den Begriff des „Kairos“. Des richtigen Zeitpunkts, den man ergreifen sollte, wenn man ihm begegnet. Vielleicht kommt er so schnell nicht wieder. Im ungünstigsten Fall sogar nie mehr. Manchmal kann er darin bestehen, ein wunderbares Essen zu zaubern, mit dem ich andere und mich selbst glücklich mache. Ein anderes Mal aber auch, die Arbeit stehen und liegen zu lassen und mich ganz diesem einen Menschen zu widmen, der jetzt da ist. Denn wer weiß, wann wir uns wiedersehen.

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