Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

01AUG2025
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Wir waren gemeinsam auf der Schule – Birgit und ich. Nicht in der gleichen Klasse – aber in verschiedenen Projekten an der Schule hatten wir miteinander zu tun. Manchmal – also eigentlich ziemlich selten – gab Birgit mir damals einen klitzekleinen Einblick in ihren Schmerz, hinein in ihre geschundene Seele. Diese Momente haben mich ahnen lassen, was hinter ihrem Still -Sein steckte: Ein Schmerz für den sie keine Worte, keine Stimme hatte.

Eines Tages war Birgit nicht mehr da. Ich kam morgens in die Schule und sie fehlte.  Nicht dass wir jeden Tag gesprochen hätten, aber eigentlich stand sie immer an dem gleichen Platz und rauchte ihre Zigarette. Auch nach einer Woche war sie nicht wieder da. Nach ungefähr einem Monat fragte ich damals in der Schule rum und erfuhr, dass Birgit weg war, wobei niemand so recht wusste, ob weggezogen, Schule gewechselt oder hingeschmissen.

Jahrzehnte später traf ich sie zufällig und sie sprach mich an. Ich hätte sie wahrscheinlich gar nicht mehr erkannt. Aber sie sprach mich an, offen, freundlich lächelnd. Vor mir stand nicht die in sich gekehrte Person, die ich aus der Schule in Erinnerung hatte. Es war total nett. Wir tranken einen Kaffee und sie erzählte ganz offen, wie es ihr ergangen war. Ich fragte, warum sie damals plötzlich verschwunden sei und sie sagte, dass sie in eine stationäre Therapie gegangen war. Die Therapie dauerte lange und danach wollte sie einen Neuanfang - woanders. Inzwischen sagte sie, ginge es ihr gut.

Der Schmerz sei zwar nicht weg, aber die damit verbundene Stille. Sie hat Worte gefunden und Wege, mit dem Schmerz umzugehen, wenn es besonders schwer wird. Sie hat jetzt viele Momente, in denen sie sich am Leben freut und dann fühlt sie sich nicht mehr eingesperrt hinter der verschlossenen Tür in Ihrem Seelenhaus. Mittlerweile kann sie die Tür öffnen, sie hat Ansprechpartner, Mittel und Wege damit gut umzugehen. Es war für mich ein ganz besonderes Kaffeegespräch.  Da erzählt jemand von einem Wunder und einem Neuanfang mitten im Leben. Ich weiß bis heute nicht, was Birgit damals so gequält hat, was den stillen Schmerz verursacht hat. Aber dank Birgit habe ich wieder einmal erfahren dürfen, dass es Auferstehung mitten im Leben geben kann.

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