Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Gerechtigkeit ist ein wichtiges Thema für mich. Lange war ich überzeugt, dass ich genau weiß, was gerecht ist – nämlich einfach die Umkehrung der Ungerechtigkeit. Zum Beispiel: Alle haben das Gleiche. Also absolute Gleichheit. Aber ich habe gelernt, dass es so leicht nicht ist. Wir Menschen sind doch sehr unterschiedlich. Gott hat uns sehr unterschiedlich erschaffen und das heißt für mich auch – er hat uns so unterschiedlich gewollt – so bunt und verschieden und von Gott geliebt.
Grundsätzlich halte ich dabei die Schere zwischen den Menschen, die sehr viel haben und den vielen Menschen, die sehr wenig haben, für zu groß. Und doch ist „gerecht“ nicht, wenn alle einfach das gleiche haben. Denn wir haben unterschiedliche Bedürfnisse – zumindest, wenn wir über die Grundbedürfnisse wie Nahrung und Dach über dem Kopf hinausschauen.
Gerecht ist hier für mich, wenn Menschen die gleichen Chancen bekommen, wenn wir individuelle Unterstützung anbieten. Ich werde dann immer noch nicht ein guter hundert Meter Läufer oder ein genialer Physiker – das ist auch nicht mit Gerechtigkeit gemeint. Nicht jeder kann alles. Aber wenn ich eine Begabung habe, mich bemühe und anstrenge, dann sollte ich auch das Gleiche erreichen können und dürfen, ohne dass es mir verwehrt wird durch die sogenannte „stille Auswahl“.
Eigentlich sollte niemand diskriminiert werden bei Job und Stellenangeboten und doch findet immer wieder eine stille Auswahl statt. Still, weil niemand sagt: „Nein ich stelle Sie nicht ein, weil Sie als Frau vielleicht schwanger werden oder weil Sie als Mann nicht in unsere Außendarstellung passen.“ Nicht die Herkunft, Geschlecht oder Alter werden dann als Grund für die Absage genannt, sondern fadenscheinige Ausreden oder einfach gar kein Grund. Das ist eine stille Auswahl. Dabei wird auch gerne von gläsernen Decken gesprochen an die Menschen, oft immer noch Frauen, stoßen. Bei allem Talent, Wissen und Erfahrung kommen sie einfach nicht weiter. Diese stille Auswahl ist nicht fair, nicht gerecht, denn sie räumt keine Chancen ein. Gerade die Unterschiedlichkeit bei gleicher Befähigung für eine Aufgabe oder Job ist doch eine große Chance für uns alle!
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