Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Jeder und jede lebt seine Trauer unterschiedlich – das ist so allgemein, wie wahr. Ganz konkret ist es für mich bei Karl geworden. Als Freunde hätten wir uns vielleicht nicht bezeichnet, aber wir haben uns durch unsere gemeinsame ehrenamtliche Arbeit in der Kirchengemeinde gut gekannt. Plötzlich starb seine Frau. Auch mich hat ihr Tod tief berührt. Karl hat er regelrecht verstummen lassen. Ich habe ihm eine Karte geschrieben, war auf der Trauerfeier und habe hin und wieder gesagt, dass er sich melden soll, wenn er Hilfe braucht, wenn ich irgendwas für ihn tun kann.
Karl hat sich nie gemeldet. Heute, viele Jahre später, ist mir klar: Karl hat still und stumm getrauert – Jahre. Ohne einen Ton. Einsam. Nach vielen Jahren haben wir uns wiedergetroffen. Beim dritten Bier, hat er mir die Stille beschrieben, die Trauer, das Stummsein und die Einsamkeit. Ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht aktiv auf ihn zugegangen bin. Meine hilflosen Versuche zu sagen, dass er sich doch immer hätte melden können, wurden mit einem tiefen traurigen Blick beantwortet.
Erst am späten Abend – für Karl noch ein paar Bier später – brach es dann vollends aus ihm heraus. „Mensch, Florian, wie soll ich nach Hilfe fragen? Wie soll ich dich ansprechen, wenn da nur noch Stille ist? Ich konnte nicht.“ Ich habe ihn dann noch heim gebracht und seit diesem Abend reden wir häufiger – auch ohne Bier – über uns und über Gefühle. Ich habe daraus für mich einiges gelernt! Es reicht nicht, wenn ich nur ein Mal Hilfe und ein Ohr anbiete, wie ich es bei Karl in der Beileidskarte getan habe. Wenn einer verstummt vor Trauer, dann braucht es kein allgemeines Angebot – „meld dich, wenn du was brauchst“ - dann braucht es konkrete Angebote: Lass uns zusammen spazieren gehen. Kommst du heute Abend zum Essen? Ich kann dich mitnehmen zur Geburtstagsfeier? Und ganz sicher ist es auch hilfreich, ab und zu einfach zusammen zu schweigen und das auszuhalten.
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