SWR4 Abendgedanken
In manchen Situationen weiß ich nicht, wie ich mich entscheiden soll. Egal, was ich mache, es scheint immer falsch. Zwei gute Freunde von mir feiern Geburtstag, beide am gleichen Tag. Und ich frage mich: Was soll ich tun? Wenn ich zum einen Freund gehe, was denkt der andere? Beide Freunde sind mir wichtig, und ich will keinen verletzten oder enttäuschen. Ich kann es nur falsch machen, wie auch immer ich mich entscheide.
Und mein Problem ist noch ziemlich harmlos. Manchmal geht es um viel mehr. Es geht darum, sich selbst und seinen Überzeugungen treu zu bleiben. Es geht um Leben und Tod, und die Entscheidung hat Folgen für das Leben anderer Menschen.
In der Zeit des Nationalsozialismus stand der evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer vor so einer Entscheidung. Seine Freunde aus der Widerstandbewegung fragten ihn, ob er bei einem Attentat auf Adolf Hitler mitmachen würde. Aber darf er das? Als Christ mithelfen, dass ein Mensch getötet wird? Und sich damit zum Richter über Leben und Tod machen? Und wenn er nicht mitmacht, dann lässt er weiter zu, dass Hitler und seine Anhänger täglich Menschen in Konzentrations- und Vernichtungslager schicken und Europa weiter mit einem brutalen Krieg überziehen. Dietrich Bonhoeffer hat sich seine Entscheidung nicht leicht gemacht. Er hat mit sich gerungen und gebetet und dann hat er sich schließlich entschieden: Er beteiligt sich an den Vorbereitungen zum Attentat.
Gestern war der 20. Juli. Am 20.Juli 1944 fand dieses Attentat auf Adolf Hitler statt. Doch Hitler überlebte die Bombe, die in seinem Hauptquartier explodierte, nur leicht verletzt. Dietrich Bonhoeffer hat seine Entscheidung, sich an dieser Tat zu beteiligen, mit dem Leben bezahlt. Im April 1945 wurde er hingerichtet. Schon als er seine Entscheidung getroffen hat, hat Bonhoeffer gewusst: Es gibt keine richtige Entscheidung: „Was auch immer ich tue, ich werde schuldig“. Manchmal ist das so: Manchmal gibt es kein eindeutiges richtig oder falsch. Manchmal müssen wir uns entscheiden, ohne zu wissen, was gut ist. Das braucht Mut. Aber auch das Vertrauen auf Gott, dass er aus meiner Entscheidung am Ende etwas Gutes machen kann, auch wenn ich das jetzt noch nicht erkenne.
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