SWR Kultur Wort zum Tag
Morgens singt manchmal eine Amsel vor meinem Zimmer. An diesem Morgen war es nicht so. Stattdessen: Ein fürchterliches Krächzen. Es krächzte, und es hörte nicht mehr auf. Ich habe die Balkontür geöffnet. Und da saß ein kleiner Rabe. Wie er dort gelandet war, weiß ich nicht. Verängstigt hat er mit den Flügeln geschlagen. Es fehlte ihm sichtlich die Kraft, um wieder wegzufliegen. Was tun?
Wasser, habe ich gedacht, Wasser wäre bei diesem Wetter sicher gut. Also habe ich ihm ein Schüsselchen Wasser hingestellt. Das war genau das Richtige! Der kleine Rabe hüpfte zum Schüsselchen und nippte. Kippte sein schwarzes Köpfchen eins um andere Mal nach hinten. Und ließ die Wassertropfen seine strapazierte Kehle hinunterrinnen. Er ist dann noch ein Weilchen sitzen geblieben. Irgendwann ist er davongeflogen. Wer weiß wohin?
Und ich? Ich musste an die biblische Geschichte von Elia und den Raben denken. Elia, ein alttestamentlicher Prophet, hatte in seinem Leben einige Kämpfe auszufechten. Und sich sogar mit dem König von Israel angelegt.
Einmal, als er den Zorn des Königs auf sich gezogen hatte, wurde es sogar lebensgefährlich für Elia. Da hat Gott ihm geraten, sich in die Wüste zurückzuziehen. Dort war er zwar in Sicherheit. Aber wie sollte er in der Wüste überleben?
Es waren schließlich Raben, die herbeigeflogen kamen und sich um ihn gekümmert haben. Sie haben den erschöpften Elia mit den nötigsten Lebensmitteln versorgt. Und so sein Überleben gesichert.
Als ich meinen Raben auf dem Balkon mit Wasser versorgt hatte, ist mir diese Geschichte eingefallen. Ich hatte dabei einen seltsamen Gedanken. Vielleicht, habe ich gedacht, vielleicht kann ich mich ja auf diese Weise ein bisschen revanchieren für das, was die Raben dem Elia Gutes getan hatten?
Denn Sorge und Mitgefühl sind ja keine Einbahnstraße. Mir sind in diesem Moment viele Situationen eingefallen, wo mich Tiere mit Aufmerksamkeit und Zuwendung beschenkt haben.
Egal also, wer da um Hilfe ruft oder krächzt, wir sollten einander hören. Und aufeinander achten. Das wäre doch eine prima Perspektive. Auch im Verhältnis von Mensch und Tier!
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