SWR Kultur Wort zum Tag
Der biblische Psalm, der mir der liebste ist, beginnt so: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Er vergibt dir all deine Schuld und heilt alle deine Krankheiten. Er rettet dich mitten aus Todesgefahr und krönt dich mit Güte und Erbarmen. Er gibt dir in deinem Leben viel Gutes – überreich bist du beschenkt.“ (Ps 103 Genfer Übersetzung). Eine tolle Zusage und Zuversicht. Klar, das klingt zunächst reichlich übertrieben; zu schön, um wahr zu sein. Aber ganz realistisch ist gleich auch von Krankheit und Schuld die Rede, sogar von Gevatter Tod. Von Schönfärberei also keine Spur, aber dennoch pure Lust aufs Dasein statt Schwarzseherei. Die ganze Realität wird ins Gebet genommen. Alles ist überglücklich in das Licht einer strahlenden Güte getaucht. Und das ist nur der Anfang, es folgen weitere zauberhafte Bilder von der Lebensmacht namens Gott. „So hoch der Himmel über der Erde ist, so überragend groß ist seine Güte über allen, die ihn lieben und ehren. Wie Vater und Mutter ihren Kindern liebevoll zugewandt sind, so begegnet Gott allen, die mit ihm rechnen und ihn ernst nehmen. Er weiß ja, was wir für Geschöpfe sind.“
Diese Verse sind mir besonders ans Herz gewachsen. Ein richtiges Kontrastprogramm zum üblichen „wie du mir, so ich dir“. Man spürt förmlich, wie diese Psalmverse die üblichen Mechanismen von Verrechnung und Vergeltung radikal durchbrechen. Die Fachleute sprechen plastisch auch von Sprengmetaphern. Da werden die gängigen Muster von Vorwurf und Erwartung durchkreuzt. Dass wir Mist bauen und schuldig werden, ist als fast selbstverständlich vorausgesetzt. Nicht die Schuld ist das Problem, sondern das fehlende Vertrauen auf solche Schöpfergüte. Dieser Gott ist die Großzügigkeit in Person, nichts als freigebendes Zuvorkommen. Kein Wunder, dass jemand, der ihm glaubt, in einem anderen Psalm sagt: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Nicht auszudenken, wie die Welt aussehen würde, wenn wir aus dem Hamsterrad von Schuld und Vergeltung heraus träten. Und wenn ich aufhören könnte, mich schlechtzureden oder mir Vorwürfe zu machen.
Ja, „lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir schon Gutes getan hat“. Das sind Sätze fürs Leben, für jeden Tag. Man sollte die Psalmen essen, meinte einmal Dorothee Sölle, also nicht nur lesen, nein gut kauen und einverleiben. Es ist Kraftnahrung, es fördert die Lebensfreude und auch den Dank. Und sie öffnen die Augen. Schwarzseher und Unkenruferinnen gibt es ja genug. Also auf zum Psalmenfrühstück.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42549