SWR Kultur Wort zum Tag

15JUL2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Aller Augen warten auf dich, du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du tust deine milde Hand auf und erfüllst alles, was lebt, mit Wohlgefallen“ - mit diesem Tischgebet bin ich groß geworden. Kein Löffel Suppe, kein Bissen ohne diese Worte zuvor. Solch ein Innehalten ist nicht nur ernährungsmäßig gesund und bringt Ruhe an den Tisch und ins Herz, es stiftet auch Gemeinschaft. Einmal am Tag wenigstens so über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, tut gut. Einmal am Tag so zum Ausdruck zu bringen, dass das Dasein nicht selbstverständlich ist, dass wir ständig Beschenkte sind, ist sinnvoll. Das kann schon früh am Morgen sein, gleich zum Frühstück, und natürlich bei jeder Mahlzeit.

„Aller Augen warten auf dich“ - dieses Tischgebet stammt aus dem schönsten Gedicht- und Gesangbuch der Menschheit, den biblischen Psalmen (Psalm 104). Da findet sich dieses Loblied auf die Schöpfung und ihre Bewahrung: „Du, mein Gott, groß und erhaben bist du …, in Licht hüllst du dich wie in ein Gewand, den Himmel spannst du wie ein Zeltdach aus.“ So heißt es gleich zu Beginn, und dann werden Kosmos und Natur besungen, die Welt der Tiere und der Menschen: „wie zahlreich sind doch deine Werke … Alle Lebewesen warten auf dich, du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.“  Welch eine Freude über den Reichtum der Schöpfung, welch ein Vertrauen in jene schöpferische Lebensenergie, ohne die wir nicht wären.

Vor allem dieses „alle Lebewesen warten auf dich“ hats mir angetan. Und die Konzentration auf die Vorgänge von Nahrung und Essen.  Wir sollten die biblischen Psalmen essen, meinte deshalb einmal Dorothee Sölle, sie sind Grundnahrungsmittel. Beten sei wie Essen: etwas zu uns nehmen, was guttut und Kraft gibt. Dieser Psalm auf die Großzügigkeit Gottes und den Reichtum der Welt kann mit beidem erfüllen: mit größtem Dank für das Dasein in dieser wunderbaren Welt, und mit Beschämung über den weltweiten Skandal von Egoismus und Geiz. Immer noch wäre ja weltweit genug für alle da und niemand müsste hungern; wenn wir nur teilen könnten und nicht raffen müssten. Dass doch endlich alle satt werden und die Speise finden, die ihnen schmeckt. Diesen Tag mit einem Psalmenfrühstück zu beginnen, ist also eine mutige Sache, und kann auch eine Zumutung sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42548
weiterlesen...