SWR Kultur Wort zum Tag

14JUL2025
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Die einen schwören auf Müsli, andere brauchen ein Ei oder Wurst, die meisten auch Kaffee oder Tee. Das Frühstück ist wichtig, jedenfalls bald am Tag die entsprechende Energiezufuhr. Das gilt auch für Geist und Seele. Morgens die Augen aufzuschlagen, ist ja nicht selbstverständlich; gut durch den Tag zu kommen, auch nicht. Früher war deshalb ein Morgengebet selbstverständlich, ein Kreuzzeichen oder ein Bibelvers, in jedem Fall ein Ritual wie das Frühstück, ein geistlicher Vitaminstoß für den neuen Tag und zu seiner Begrüßung.

Unter den erprobten Nahrungsmitteln christlicher Überlieferung stehen die biblischen Psalmen ganz oben, wunderbare Verdichtungen bewährter Gottesbeziehung. Man solle sie essen wie Brot oder Müsli, meinte Dorothee Sölle einmal. Gut beißen und kauen, gut einspeicheln und verdauen – das gibt Kraft. Heute Morgen blieb ich im Psalm 68 an folgenden Versen hängen: „Ein Vater für die Waisen, ein Anwalt für die Witwen ist Gott im Heiligtum dieser Welt. Gott schenkt vereinsamten Menschen ein Zuhause. Gefangene führt er in Freiheit und Wohlergehen“ (Ps 68,6; Genfer Übersetzung). Schon beim Lesen schmeckt mir das gut, betend erst recht spüre ich Lebenswärme und Ermutigung. Allein der Vers: „Gott schenkt den vereinsamten Menschen ein Zuhause“ – dieser Satz rührt mich. Ich denke an die extreme Wohnungsnot hier im Lande und im Lebenshaus Erde, ich denke an meine eigenen Einsamkeiten.

In solch einem Psalmenfrühstück kommen also ganz konkrete Stimmungen auf den Tisch. Auch handfeste Probleme, an denen wir uns die Zähne ausbeißen. Das Schöne und das Schwere wird ins Gebet genommen. „Laudes“ nennt man das in der kirchlichen Überlieferung, also Lob und Preis.  Wir danken fürs Aufstehen und Dasein, wir schauen in den bevorstehenden Tag – und alles wird an jenes Geheimnis adressiert, ohne das wir nicht wären - an die höchste Instanz, den Schöpfer aller Dinge, die Lebens- und Wirkkraft in allem.  

Solch ein Psalmenfrühstück ist Gold wert, die Zeit dafür lohnt sich. Und das manchmal so sehr, dass einem dann auch tagsüber dieses goldene Mantra wieder einfällt: „Gott schenkt den vereinsamten Menschen ein Zuhause“.

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